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Abfall - globales Problem oder Potential?
Art: Leitfäden, Projektarbeiten und Recherchen
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A uch wenn Schlagzeilen über Müllexporte oft etwas anderes suggerieren: es geht den auf- nehmenden Ländern zumeist nicht um Müllim- porte zwecks Verbrennung oder Deponierung, sondern um die Nutzung der in den Abfällen ent- haltenen Rohstoffe. So benötigt z. B. Indonesien ca. 600 000 Tonnen importierten recycelbaren Kunststoff pro Jahr, um die hohe Nachfrage der heimischen plastikverarbeitenden Industrie zu befriedigen. Die indonesische Industrie ist nicht in der Lage, die Rohstoffe für die über 3,2 Mio. Ton- nen Plastikprodukte bereitzustellen, die jedes Jahr in Indonesien produziert werden. Auch exis- tiert in Indonesien keine nennenswerte Recyc- lingindustrie, die die lokal anfallenden, riesigen Mengen an Kunststoffabfall wirtschaftlich aufar- beiten könnte (Mitteilung Deutsche Botschaft Ja- karta 2019). Auch alte Elektro- und Elektronikgeräte enthal- ten wertvolle Rohstoffe. So wird in Ländern wie Bettina Rechenberg Abfall – globales Problem oder globales Potenzial? Seit Mitte 2019 nahmen Schlagzeilen über einen zunehmenden Export von Kunststoffabfällen aus Europa in asiatische Länder wie Indonesien und Malaysia zu, nachdem China im Februar 2018 einen Importstopp verhängt hatte. Bilder von riesigen Halden von aus Europa importierten Elektrogerä- ten in Agbogbloshie am Rand der Hauptstadt Accra machten schon vorher die mediale Runde. Abfall scheint ein zunehmendes globales Problem zu sein. Doch im Abfall steckt ein riesiges Rohstoffpoten- zial, das genutzt werden muss. Ghana beispielsweise die Kunststoffummantelung von Kabeln mit offenem Feuer weggeschmort, um Kupfer zurück zu gewinnen (siehe Beitrag Ghana/ Accra). Dabei entwickeln sich giftige Dämpfe. An- dere Geräteteile werden ohne jeglichen Arbeits- schutz in Säurebädern aufgelöst. Die Restteile werden verbrannt, wild deponiert oder an Fluss- ufern abgelagert. Damit werden aus dem impor- tierten Elektroschrott nur wenige masserelevante Wertstoffe (Kupfer, Aluminium, einen Teil des Goldes) zurückgewonnen und dafür Gesundheits- und Umweltschäden in Kauf genommen (Umwelt- bundesamt 2010). Sind Abfälle daher ein globales Problem oder bergen sie ein globales Potenzial?
In Deutschland haben wir eine gut funktionieren- de Abfallwirtschaft. Ungeordnete Müllablagerun- gen gehören schon seit Jahrzehnten der Vergan- genheit an. Wir sind es gewohnt, dass unsere Abfälle zuverlässig eingesammelt und behandelt werden. Getrennte Abfallerfassung und moderne Sortier- und Behandlungsanlagen ebneten den Weg zu einer Recyclingwirtschaft, in der Abfälle als Ressource gesehen und Stoffkreisläufe ge- schlossen werden sollen. Diese Entwicklung bil- den auch sehr anschaulich die Titel der zentralen Gesetze ab: Vom „Abfallbeseitigungsgesetz“ (1972) über das „Abfallgesetz“ (1986) hin zum „Kreislauf- wirtschafts- und Abfallgesetz“ (1996), das schließ- lich 2012 vom „Kreislaufwirtschaftsgesetz“ abge- löst wurde. 2015 veröffentlichte die Europäische Kommis- sion im Rahmen eines Kreislaufwirtschaftspake- tes einen europäischen Aktionsplan „Den Kreis- lauf schließen“ (EU-Kommission 2015) sowie ein 2018 in Kraft getretenes abfallwirtschaftliches Gesetzespaket mit konkreten Anforderungen zur Foto: iSt ockpho to.c om/vm Abb. 1: Müllsortierung zur weiteren Verwertung
Verkehr gebracht. Aus dem geschätzten Bestand von über 20 Mio. Tonnen fielen etwa 1,9 Mio. Ton- nen als Elektroschrott an. 853 124 Tonnen Elekt- roaltgeräte wurden zur Entsorgung und zum Recycling zu den Sammelstellen gebracht, über- wiegend Altgeräte aus privaten Haushalten (772 934 Tonnen). Das entspricht 9,31 Kilogramm pro Einwohner und Jahr. Der Verbleib von ca. 1,0 Mio. Tonnen Elektroschrott ist damit unklar. In einer im Auftrag des Umweltbundesamtes ak- tuell durchgeführten Analyse der über die Rest- mülltonne entsorgten Abfälle fanden sich dort davon ca. 80 000 Tonnen, das heißt ca. 1 kg Elek- troschrott pro Einwohner und Jahr. Die EU-weit geltende, verpflichtend zu erreichende Sammel- quote von 45 % hat Deutschland 2018 mit 43,1 % knapp verfehlt. Um die seit 2019 geltende Sam- melquote von 65 % einzuhalten sind damit noch deutliche Anstrengungen notwendig (Umwelt- bundesamt 2020a, Umweltbundesamt 2020b). Eine geordnete Sammlung und Entsorgung von Elektroaltgeräten vermeidet eine Gefährdung der Umwelt und ermöglicht das Recyceln von Wert- stoffen. Die Verwertungsmöglichkeiten sind je nach Geräteart teilweise sehr unterschiedlich. Bei der Behandlung und Verwertung von Elektroalt- geräten sind die Recyclingausbeuten für Masse- metalle (Eisen, Kupfer, Aluminium) sehr gut. Die Rückgewinnung von Edel- und Sondermetallen besonders aus Geräten der Informations- und Te- lekommunikationstechnik steht dagegen noch am Anfang. Geräte wie Laptops, Smartphones und Computer enthalten viele ressourcenrelevante Metalle. Diese Metalle sind häufig nur in geringen absoluten Mengen pro Gerät enthalten, ergeben aber für den gesamten Abfallstrom hohe Gesamt- mengen. So sind zum Beispiel in einer Tonne Smartphones etwa 150 Gramm Gold enthalten – eine Tonne Golderz enthält dagegen durchschnitt- lich nur etwa fünf Gramm Gold. Stärkung des Recyclings. Diese rechtlichen Vorga- ben sollen in allen EU-Ländern zu einer Verbesse- rung der Abfallsammlung und zu einer Anhebung der Recyclingquoten führen. Außerdem fordert der Aktionsplan, Stoffe so hochwertig zu recyceln, dass die Rezyklate wieder in gleichwertigen An- wendungen zum Einsatz kommen können. Für die Einhaltung dieser neuen Vorgaben werden damit auch in Deutschland weitere Anstrengun- gen nötig sein.
Je nach Abfallart variiert der Anteil der Samm- lung der Abfälle und des Recyclings im Vergleich zur energetischen Verwertung (Abfallverbren- nung) und weiteren Entsorgungspfaden. Papier: Für Papier, Pappe und Kartonagen ist das Recycling seit vielen Jahren etabliert. 2012 wurden weltweit 400 Mio. Tonnen Papier, Pappe und Kartonagen produziert und verbraucht, eine Verdoppelung gegenüber dem Verbrauch von
Daten: Bookhagen, B.; Bastian, D. 2020
Dass schadstoffhaltige Abfälle nicht einfach ins Ausland gebracht und dort zu Lasten von Umwelt und Gesundheit entsorgt werden, soll das „Basler Übereinkommen“ verhindern. Das „Basler Über- einkommen über die Kontrolle der grenzüber- schreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung“ wurde 1989 von 53 Staaten unterzeichnet – inzwischen sind über 180 Staaten beigetreten. Die Erstunterzeichner erkannten in den 1980er Jahren die Bedrohung für Mensch und Umwelt durch gefährliche Abfälle, da die Ver- schiffung dieser Abfälle aus Industriestaaten zu dieser Zeit ein Ausmaß erreicht hatte, das inter- nationalen Handlungsbedarf erforderte. Es gab zahlreiche Vorfälle, bei denen durch importierte gefährliche Abfälle in Afrika und Osteuropa die Umwelt und die Gesundheit der Menschen vor Ort dauerhaft geschädigt wurden. Mit dem Basler Übereinkommen wurden weltweit geltende Rege- lungen über Zulässigkeit und Kontrolle von Ex- porten gefährlicher Abfälle getroffen. So benöti- gen grenzüberschreitende Abfalltransporte die Zustimmung des Ausfuhrlandes, sämtlicher Durchfuhrländer sowie des Einfuhrlandes. Beson- ders sollen hierdurch Staaten geschützt werden, die nicht über die notwendigen technischen Vor- aussetzungen für den Umgang mit gefährlichen Abfällen verfügen. Deutschland ist seit 1995 Ver- tragspartner (BMU 2014).
Im Rahmen des Basler Übereinkommens wurden 2019 wichtige Entscheidungen getroffen, um die weltweite Kunststoffproblematik und die Meeres- vermüllung in den Griff zu bekommen. Es wurden die weltweit geltenden Regelungen zum Export von Kunststoffabfällen verschärft, um ein besser kontrollierbares und transparentes System für den Ex- und Import von Kunststoffab- fällen zu erreichen. Die seit 2021 geltenden Rege- lungen umfassen folgende Punkte: ■ Es dürfen nur noch sortenreine Abfälle sowie weitgehend störstofffreie Mischungen aus Poly- propylen (PP), Polyethylen (PE) und Polyethylen- terephthalat (PET), die nachweislich zum Recyc- ling bestimmt sind, mit anderen Ländern frei gehandelt werden. ■ Verschmutzte und zweifelhafte Plastikabfälle von minderwertiger Qualität oder mit Schadstof- fen belastete Kunststoffabfälle dürfen weltweit nur noch mit Zustimmung der Behörden der Ex- port- und der Importländer gehandelt werden. Damit ist nun ein Exportstopp nicht recycelbarer oder mit Schadstoffen belasteter Kunststoffabfäl- le aus der EU nach Asien und Afrika möglich. Weiterhin sind die Staaten aufgefordert, die Ver- meidung sowie umweltgerechte Behandlung von Kunststoffabfällen national zu stärken. Es wurde zudem eine globale Partnerschaft zu Kunststoff- abfällen beschlossen, die Entwicklungsländern dabei helfen soll, umweltgerechte Verwertungs- strukturen in den Ländern aufzubauen. Die Beschlüsse des Basler Übereinkommens sind ein wichtiger Fortschritt im weltweiten Um- gang mit Kunststoffabfällen und ein richtiger An- satz, dem Problem der Vermüllung der Umwelt und speziell der Weltmeere zu begegnen. Zudem kann damit das Recycling von Kunststoffen welt- weit gestärkt und die Neuproduktion aus Erdöl vermindert werden. Eine Herausforderung sind dabei die noch hohen Kosten für das Erzeugen hochwertiger Kunststoff-Rezyklate gegenüber den aufgrund der gesunkenen Erdölpreise derzeit niedrigen Preise für Primärkunststoffe.
- die WEEE-Richtlinie Laut einer Studie von Ökopol im Auftrag des Um- weltbundesamtes wurden 2008 etwa 155 000 Ton- nen Elektro-Altgeräte – vor allem Fernseher und Monitore – aus Deutschland in Länder wie Nige- ria, Ghana, Indien oder Südafrika exportiert. Sie wurden als Gebrauchtgeräte deklariert, befanden sich jedoch überwiegend in einem sehr schlech- ten Zustand und waren Abfall, der in diesen Län- dern überwiegend ungeordnet abgelagert wurde (Umweltbundesamt 2010). Auf europäischer Ebene regelt die WEEE-Richt- linie (von englisch „Waste of Electrical and Elect- ronic Equipment“, deutsch „Elektro- und Elektro- nikgeräte-Abfall“) die Sammlung, Behandlung und das Recycling von Elektro- und Elektronik- Altgeräten. Mit der Neufassung der WEEE-Richt- linie 2014 sollte auch erreicht werden, dass nicht funktionierende Geräte nicht in Entwicklungslän- der gebracht werden. Die neue WEEE-Richtlinie schreibt daher vor, dass vor dem Export die Funk- tionsfähigkeit der als gebraucht deklarierten Ge- räte nachgewiesen werden muss. Durch diese Umkehr der Beweislast soll sichergestellt werden, dass nur noch intakte Geräte exportiert werden, deren Weiternutzung durchaus ökologisch sinn- voll ist (Umweltbundesamt 2020a). Eine 2020 ver- öffentlichte Studie des Ausbildungs- und For- schungsinstituts der Vereinten Nationen (UNITAR) und der United Nations University (UNU) schätzt, dass dennoch aktuell fast 750 000 Tonnen ge- brauchte Elektro- und Elektronikaltgeräte pro Jahr illegal aus Europa exportiert werden (EUWID 2020). Parallel sind erste erfolgreiche Schritte beim Aufbau von Entsorgungs- und Recycling- strukturen in den importierenden Ländern zu verzeichnen. So haben 2018 in Ghana das Um- weltministerium und die Umweltbehörde ge- meinsam Leitlinien für ein umweltgerechtes E- Schrott-Management verabschiedet, die das Recycling von Metallen und Kunststoffen aus dem Elektro- und Elektronikschrott fördern sollen und HrW Ik
gen zur besseren Kontrolle der globalen Abfall- ströme wurden getroffen und Unterstützung zum globalen Ausbau von Abfallsammel-, Sortier- und Recyclingsystemen vereinbart. Damit es gelingt, Stoffströme zu schließen und eine echte Kreislaufwirtschaft zu entwickeln, be- darf es aber auch der Abfallvermeidung und da- mit einer deutlichen Verlangsamung der bislang stetig steigenden Abfallmengen. ∎ LITERATUR Bookhagen, B. u. Bastian, D.: Metalle in Smartphones. Han- nover 2020 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU; Hrsg.): Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährli- cher Abfälle und ihrer Entsorgung. Berlin 2014 EU-Kommission (Hrsg.): Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen – Den Kreislauf schließen – Ein Aktionsplan der EU für die Kreislaufwirtschaft. Brüssel 2015 EUWID Recycling und Entsorgung (Hrsg.): Drei Mio. Tonnen E-Schrott jedes Jahr in Europa fürs Recycling verloren. Gernsbach 2020 Forti, V. u. a.: The Global E-Waste Monitor 2020 – Quantity, Flows, and the Circular Economy Potential. Bonn 2020 recovery – Recycling Technology Worldwide, Ausgabe 5. Gütersloh 2018 Sustainable Recycling Industries (SRI; Hrsg.): Technical Gui- delines on Environmentally Sound E-Waste Management for Collectors, Collection Centers, Transporters, Treatment Facilities and Final Disposal in Ghana. St. Gallen 2018 Umweltbundesamt (Hrsg.): Export von Elektroaltgeräten
Ressourcen können jedoch nicht allein durch ef- fizientes Recycling geschont werden. Denn die Recyclingtechnik muss sich immer wieder an neue Materialien und Produkte im Abfallstrom oder an z. B. Techniksprünge bei Elektro- und Elektronikprodukten anpassen. Zudem stehen die Recyclingunternehmen auch unter einem hohen betriebswirtschaftlichen Druck, der es nicht im- mer zulässt, alle Rohstoffe vollständig wiederzu- gewinnen. Auch bei ständig steigenden Abfall- mengen gelingt es nicht, die Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen stets den wachsenden Abfall- bergen anzupassen. Deshalb ist generell eine Reduzierung der an- fallenden Gesamtmenge an Abfällen erforderlich. Mit der Vermeidung unnötiger Konsumgüter kann jede und jeder einzelne etwas tun (siehe Bei- trag Schulz). Auch durch eine längere Nutzung der Geräte wird die absolute Abfallmenge verrin- gert. Hier ist jede und jeder selbst gefordert zu überlegen, ob z. B. ein Gerät tatsächlich wieder ausgetauscht werden muss. Die Hersteller sollten ihre Produkte so gestalten, dass lange Nutzungs- zeiten möglich und z. B. Geräte reparierbar sind und Ersatzteile zur Verfügung stehen. Speziell Einwegprodukte wie Einwegbesteck, Trinkhalme, Becher und ähnliches werden nur wenige Minuten genutzt und verbrauchen in Re- lation dazu viel Energie und Rohstoffe in der Pro- duktion. Oft werden sie achtlos weggeworfen und landen dann in der Umwelt. So bestehen die Ab- fälle, die an europäischen Stränden gefunden werden, zu rund 50 % aus Einwegprodukten aus Kunststoffen. Mehrweg nutzen und Wiederver- wendung ist die beste Alternative zu Einwegpro- dukten und vermeidet Abfälle. Der bereits erwähnte im Dezember 2015 veröf- fentlichte Aktionsplan „Den Kreislauf schließen“ der EU-Kommission enthält auch konkrete Anfor- derungen zur Stärkung der Abfallvermeidung (EU-Kommission 2015). Für die erfolgreiche Um- setzung ist es notwendig, dass nun alle handeln- den Akteure wie Designer, Produzenten, Konsu- menten und staatliche Institutionen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.
Abfall ist beides – globales Problem durch die stei- genden Mengen und bislang unzureichende Sam- mel- und Entsorgungsstrukturen, aber auch glo- bale Ressource, um wertvolle und oft unter hohen Umweltbelastungen gewonnene Materialien wie- derzuverwenden. Erste internationale Regelun-