DLR-IB-FT-BS-2017-43, Mitschriften von Psychologie

Menschliche Wahrnehmung, Kognition und Verhaltensweisen sind verantwortlich dafür, dass Effekte auftreten können, die eine Messung verfälschen oder für ihren ...

Art: Mitschriften

2021/2022

Hochgeladen am 29.06.2022

Elisabeth_85
Elisabeth_85 🇦🇹

4.5

(3)

17 dokumente

1 / 35

Toggle sidebar

Diese Seite wird in der Vorschau nicht angezeigt

Lass dir nichts Wichtiges entgehen!

bg1
DLR-IB-FT-BS-2017-43
Der Mensch als herausfordernde Variable
im Experiment
Interner Bericht
Autor: Helene Walter
pf3
pf4
pf5
pf8
pf9
pfa
pfd
pfe
pff
pf12
pf13
pf14
pf15
pf16
pf17
pf18
pf19
pf1a
pf1b
pf1c
pf1d
pf1e
pf1f
pf20
pf21
pf22
pf23

Unvollständige Textvorschau

Nur auf Docsity: Lade DLR-IB-FT-BS-2017-43 und mehr Mitschriften als PDF für Psychologie herunter!

DLR-IB-FT-BS-2017-

Der Mensch als herausfordernde Variable

im Experiment

Interner Bericht

Autor: Helene Walter

Inhaltsverzeichnis

  • Inhaltsverzeichnis
    1. Wissenschaft........................................................................................................................................
    • 1.1 Die Wissenschaft Psychologie
      • 1.1.1 Latente Variablen....................................................................................................................
    1. Zusammenhänge zwischen Variablen
    • 2.1 Die Logik des Experiments
      • 2.1.1 Experimentelles Design
      • 2.1.2 Störvariablen
        • 2.1.2.1 Störvariablenkontrolle
    1. Gütekriterien des Messens
    • 3.1 Objektivität
    • 3.2 Reliabilität
    • 3.3 Validität........................................................................................................................................
    • 3.4 Zusammenhang zwischen den Hauptgütekriterien.....................................................................
    1. Einflüsse auf die Wahrnehmung von Menschen in Experimenten...................................................
      1. 1 Der Experimentalkontext
    • 4.2 Soziale Erwünschtheit und Ideale der Probanden
    • 4.3 Unbewusstes Verhalten
    • 4.4 Demand characteristics
      • 4.4.1 Verhaltenskontrolle durch einen kleinen Reiz
    • 4.5 Geist + Realität = Wahrnehmung.................................................................................................
    1. Kognitive Mechanismen
    • 5.1 Der Mensch als Wissenschaftler – Kellys persönliche Konstrukte
      • 5.1.1 Die Entwicklung eines Konstrukts.........................................................................................
    • 5.2 Kognitive Schemata
    1. Umgang mit dem unvermeidlichen Kontext......................................................................................
    1. Effekte, die psychologische Messungen verzerren
    • 7.1 Erwartungseffekte
      • 7.1.1 Der Klassiker: Der Placebo-Effekt
      • 7.1.2 Der Hawthorne-Effekt...........................................................................................................
      • 7.1.3 Der Rosenthal-Effekt
    • 7.2 Oberserver-Bias
      • 7.2.1 Halo-Effekt
      • 7.2.2 Observer-Drift.......................................................................................................................
      • 7.2.3 Ankereffekt
      • 7.2.4 Kontrasteffekt
      • 7.2.5 Einfluss von anderen Merkmalen
      • 7.2.6 Kontrolle des Observer-Bias
    • 7.3 Interpretationsspielraum in Fragebögen
      • 7.3.1 Sprache in Fragebögen
      • 7.3.2 Interpretation mithilfe der Darstellung
        • 7.3.2.1 Tendenz zur Mitte
        • 7.3.2.2 Zahlen sind nicht objektiv..............................................................................................
          • 7.3.2.2.1 Positive und negative Zahlen
          • 7.3.2.2.2 Intervallbreiten
          • 7.3.2.2.3 Abgefragter Zeitraum
        • 7.3.2.3 Antwortvorgabe.............................................................................................................
        • 7.3.2.4 Vergleichsurteile
        • 7.3.2.5 Kontrolle von Darstellungseffekten
    1. Empfehlung........................................................................................................................................
  • Literatur

1.1.1 Latente Variablen

Dass hinter dem Beobachtbaren etwas unsichtbares Lenkendes steht, ist eine sehr alte Vorstellung (Bollen, 2002). In der Psychologie sind latente Variablen interessant, da man bei der Beobachtung von menschlichem Verhalten auch nach Ursachen für dieses Verhalten sucht. Der Mensch reagiert nicht passiv auf äußere Reize, sondern verarbeitet diese. Reaktionen entstehen somit aus einem Zusammenspiel zwischen Reiz und Verarbeitung. Ein Beweis dafür ist, dass zwei verschiedene Menschen auf den gleichen Reiz auf verschiedene Weise reagieren können. In einer Notfallsituation reagiert ein Pilot schneller und angemessener als ein anderer. Eine Hypothese könnte lauten, dass der Pilot, der besser reagiert hat, ein höheres Situationsbewusstsein hatte. In diesem Beispiel wären die Reaktionen der Piloten das von außen sichtbare Verhalten. Das Situationsbewusstsein ist eine Variable, die das Erleben der Piloten beschreibt, also eine latente Variable. Auf latente Variablen gibt es verschiedene Sichtweisen. Eine der häufigsten Fragen ist, ob es latente Variablen, wie Situationsbewusstsein, wirklich gibt. Laut Loevinger (1957) gibt es Konstrukte (also latente Variablen) und Eigenschaften von Menschen. Dies sind aber zwei verschiedene Dinge. Die menschlichen Eigenschaften bestehen in der „wirklichen“ Welt, Konstrukte werden von Wissenschaftlern im Bestreben, diese Eigenschaften greifbarer zu machen, erfunden. Das würde bedeuten, dass es die Einheit „Situationsbewusstsein“ in der wirkliche Welt nicht gibt. Dazu passt auch eine andere Definition von latenten Variablen: Sie werden von Wissenschaftlern geschaffen, um beobachtete Phänomene zusammenzufassen und zu erklären (Bollen, 2002). Hierzu wird das statistische Instrument der Faktorenanalyse genutzt.

Grundlagen einer Faktorenanalyse sind manifeste Variablen. Deshalb werden zunächst Daten in Messungen gesammelt. Manifeste Variablen sind also im Gegensatz zu latenten Variablen durch Empirie zugänglich. Ziel einer Faktorenanalyse ist das Finden von den latenten Variablen (hier werde sie Faktoren genannt; Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Auch bei der Faktorenanalyse hängt es von der gewählten Sichtweise ab, ob man sagt, dass die latenten Variablen nur abstrakte, von Wissenschaftlern ausgedachte Begriffe sind, die die manifesten Variablen zusammenfassen, oder ob man davon ausgeht, dass die wirklich existierenden latenten Variablen die gemessenen manifesten Variablen verursachen. In Faktorenanalysen untersucht man durch Korrelationen vermutete Zusammenhänge der gemessenen Daten untereinander und schließt auf dieser Grundlage auf die latenten Variablen. Ohne sich im Detail mit den Rechenprozeduren der Faktorenanalyse zu beschäftigen, wird jedoch klar, dass das Konzept der latenten Variable von den manifesten Variablen abhängt, die zuvor gemessen wurden. Ohne ermittelte Daten, die erklärt werden sollen, ist die Idee von „Situationsbewusstsein“ unklar und nutzlos. Hier wird eine der wichtigsten Aufgaben in der psychologischen Forschung deutlich: Operationale Definitionen. Aufgrund der Eigenschaft latenter Variablen, nicht direkt beobachtbare Merkmale zu beschreiben, herrscht keine Einigkeit darüber, ob sie tatsächlich existieren oder nur von Wissenschaftlern konstruiert sind. Jedoch wollen wir weiterhin Begriffe wie Situationsbewusstsein oder auch Intelligenz benutzen, da sie nützlich sind. Das können sie allerdings nur bleiben, wenn sie gut definiert sind. Ein bekannter Ausspruch von Edwin Boring ist seine „Definition“ von Intelligenz: „Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst.“ (Boring, 1923) Diese Formulierung erscheint zunächst ironisch und inhaltslos. Allerdings ist genau dies – Messungen mithilfe von Intelligenztest – die einzige Möglichkeit und Art, Intelligenz zu erfassen. Wenn man genau beschreibt, mithilfe welcher manifesten Variablen eine latente Variable gemessen werden kann, stellt man sicher, dass alle Forscher, die sich an diese Anweisungen halten, vom gleichen Konstrukt sprechen. Dies macht Forschungsergebnisse vergleichbar. Außerdem: Da latente Variablen die manifeste Welt besser begreifbar machen sollen, ist eine Annäherung über ebendiese manifeste Welt sinnvoll. Aus diesem Grund sind operationale Definitionen, also die genaue Anweisung, wie eine latente Variable messbar gemacht wird, Grundlage in der Psychologie und Teil jeder Beschreibung einer Studie. Operationale Definitionen umgehen die Frage, ob z. B. Intelligenz tatsächlich existiert,

indem von vornherein gesagt wird, dass ein bestimmtes Messmodell ein Merkmal misst, das in diesem Modell den Namen „Intelligenz“ trägt. In Kuhns Vorstellung von Wissenschaft sind absolute Definitionen von latenten Variablen nicht nötig, da Forschung sowieso ein Prozess ist, der seine Ansichten ständig erneuert und widerruft. Latente Variablen sind wie Paradigmen der Wissenschaft Stützen, die für einige Zeit die Grundlage für weiteren Erkenntnisgewinn bilden.

2. Zusammenhänge zwischen Variablen

Bleiben wir weiterhin beim Beispiel vom Reaktionsverhalten von Piloten in einem Notfall. Natürlich möchte man wissen, wie diese Reaktion mit bestimmten anderen Bedingungen zusammenhängt. Eine weitere Hypothese könnte lauten: Piloten, die im Notfall von Nebenaufgaben abgelenkt werden, zeigen ein größeres Fehlverhalten. Der vermutete Zusammenhang besteht in diesem Fall zwischen Ablenkung und dem situationsgerechten Verhalten. Führt man einfach nur eine Messung durch und beobachtet, dass mehr Ablenkung und schlechteres Verhalten meist zusammenauftreten, kann man nur aufgrund dieser Korrelation nicht sagen, dass das beobachtete Verhalten durch die Ablenkung verursacht wird. Für Kausalaussagen benötigt man Experimente (Sedlmeier & Renkewitz, 2013).

2.1 Die Logik des Experiments

Der wichtigste Vorteil von Experimenten ist, dass nur sie Kausalaussagen ermöglichen. Kausalität liegt vor, wenn ein Merkmal A (und zwar nur ein Merkmal A) verändert wird und sich daraufhin regelhaft das Merkmal B verändert. In diesem Fall sagt man, dass das Merkmal A das Merkmal B kausal beeinflusst (Eggert, 2014). Überträgt man diese Logik auf das Experiment, so heißt das: Eine Variable wird manipuliert (die unabhängige Variable UV) und alle anderen Variablen, die Einfluss auf die Experimentalsituation nehmen können (Störvariablen) werden kontrolliert. Verändert sich in der Folge die Ausprägung der abhängigen Variablen (AV), so sagt man, dass die UV die AV kausal beeinflusst. Diese Definition beinhaltet die drei Bedingungen für Kausalschlüsse (Sedlmeier & Renkewitz, 2013):

  • Kovariation – Es besteht ein Zusammenhang zwischen A und B,
  • Zeitliche Präzedenz - A tritt zeitlich vor B auf,
  • Ausschluss von Alternativerklärungen (andere Ursache als A).

Für unser Beispiel bedeutet dies, dass (1), wenn Piloten abgelenkt werden, immer auch ihr Reaktionsvermögen schlechter sein muss, dass außerdem (2) zunächst die Ablenkung durch andere Aufgaben und dann die Verschlechterung in der Aufgabenausführung stattfinden muss und dass (3) keine weiteren Einflüsse als Erklärung für die Leistungsverschlechterung möglich sein dürfen.

In unserem Beispiel könnte man als zweite UV noch die Variable „Müdigkeit“ prüfen, wie in der Tabelle 2 dargestellt.

Tabelle 2. Reaktionszeiten von Piloten auf Gefahrensituationen unter den Bedingungen „Ablenkung“ und „Müdigkeit“

UV1: Ablenkung

UV2: Müdigkeit mit Ablenkung ohne Ablenkung müde 4 3 ausgeruht 2 2

Anmerkungen. In diesem fiktiven Beispiel wurde die Reaktionszeit (in Sekunden) von Probanden bei einem bei der Landung in die Bahn rollenden Hindernis gemessen.

Experimente mit mehreren UVs erlauben nicht nur die Prüfung von Haupteffekten, sondern auch von Interaktionen. Ein Haupteffekt bedeutet, dass die Variation der Ausprägung einer Variable einen Einfluss auf die Ausprägung der abhängigen Variable hat. Eine Interaktion hingegen bedeutet, dass die Ausprägung einer Variable bestimmt, ob eine andere Variable einen Einfluss auf die abhängige Variable hat (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Zum Beispiel kann es sein, dass nur Piloten, die müde sind, im Falle einer Ablenkung eine längere Reaktionszeit haben.

Abbildung 2. Reaktionszeiten von Piloten auf Gefahrensituationen unter den Bedingungen „Ablenkung“ und „Müdigkeit“.

In dem Graphen erkennt man neben der Interaktion auch den Haupteffekt der UV2 „Müdigkeit“: Müde Piloten benötigen immer mehr Zeit für eine Reaktion, als ausgeruhte Piloten.

2.1.2 Störvariablen

Wie oben aufgeführt, gehört zu den Bedingungen für einen Kausalschluss, dass andere Ursachen neben der vermuteten – also des Reizes, der in Form der UV untersucht wird – ausgeschlossen werden müssen. Variablen, die Alternativerklärungen für beobachtete Effekte sein können, nennt man Störvariablen (SV) (Sedlmeier & Renkewitz, 2013).

Ablenkung keine Ablenkung

0

0,

1

1,

2

2,

3

3,

4

4,

Reaktionszeit (sec)

müde ausgeruht

In einem Experiment soll die Leistungsfähigkeit von Piloten in Abhängigkeit vom Einsatz eines neuen Displays geprüft werden. UV : Einsatz des Displays AV : Leistung Eine Störvariable könnte die Uhrzeit des Experiments sein. Problematisch wäre es, wenn alle Experimente ohne Display kurz vor dem Mittagessen stattfinden und alle Experimente mit dem Display danach. Ergibt das Experiment tatsächlich, dass die Piloten in der Versuchsbedingung mit Display höhere Leistungen erbringen, kann man sich nicht sicher sein, ob dies an der Hilfe des Displays liegt oder ob die Probanden der anderen Bedingung einfach durch ihren Hunger eingeschränkt waren. Allerdings gibt es Kontrollmethoden für Störvariablen, die man nutzen kann, um diese Unsicherheit zu vermeiden (siehe Abschnitt 2.1.2.1). Oft wird zwischen personalen und situativen Störvariablen unterschieden. Bei situativen Störvariablen befinden sich in der Experimentalumgebung Reize, die verhindern, dass man eindeutig sagen kann, dass ein Kausalzusammenhang zwischen UV und AV herrscht (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). So können in einem Experiment die Lichtverhältnisse eine situative Störvariable darstellen. Wenn alle Versuchsdurchgänge der Experimentalbedingung „mit Ablenkung“ in einer dunkleren Umgebung stattfinden, als die der Kontrollbedingung „ohne Ablenkung“, kann ein besseres Verhalten der Piloten in der Kontrollbedingung nicht mehr ausschließlich auf die Bedingung „ohne Ablenkung“ der UV zurückgeführt werden. Vielleicht war es in der Experimentalbedingung zu dunkel, um die Checklisten für Notfallsituationen zu lesen. Bei personalen Störvariablen können verschiedene Eigenschaften von Probanden eine Veränderung der Ausprägung der AV verursachen (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Zum Beispiel nehmen an einem Experiment sowohl Piloten teil, die bereits viele Erfahrungen haben, aber auch junge Piloten. Die personale Störvariable „Erfahrung“ kann mit der AV „situationsgerechtes Verhalten“ zusammenhängen. So weiß man nicht mehr, ob Veränderungen im Verhalten der Piloten nur auf die experimentelle Manipulation der Variable „Ablenkung“ zurückzuführen sind, oder ob möglicherweise in einer Experimentalbedingung mehr erfahrene Piloten sind, als in der anderen, weshalb in einer Gruppe die Leistung höher ist.

2.1.2.1 Störvariablenkontrolle

Am Beispiel der personalen Störvariablen sieht man, dass es nicht immer möglich ist, alle Störvariablen auszuschließen. Selbst wenn man alle situativen Störvariablen eliminieren könnte (im Fall von Störgeräuschen kann man durch eine Schallisolierung den Experimentalkontext vollkommen still halten), bringen Probanden immer unterschiedliche Eigenschaften und Vorerfahrungen mit. Dennoch gibt es Möglichkeiten, Störvariablen entgegenzutreten. Für verschiedene Formen von Störvariablen gibt es unterschiedlich gut passende Kontrollmöglichkeiten. Diese werden nun aufgelistet.

Randomisieren Personale Störvariablen Die Versuchspersonen werden zufällig auf die verschiedenen Bedingungen des Experiments zugeteilt. Die Störvariable soll so über die verschiedenen Bedingungen hinweg durchschnittlich den gleichen Wert aufweisen (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Situative Störvariablen Zur Kontrolle von Störvariablen in der Versuchssituation können natürlich auch alle anderen Faktoren des Experiments zufällig auf die Bedingungen aufgeteilt werden. Stehen für ein Experiment zwei verschiedene Räume zur Verfügung, könnte man durch Randomisieren sicherstellen, dass sich die Ausprägungen von Störvariablen wie Lautstärke, Helligkeit oder Luftqualität, die sich in den Räumen unterscheiden, gleichmäßig auf die Bedingungen verteilen.

3. Gütekriterien des Messens

Latente Variablen bilden den Dreh- und Angelpunkt psychologischer Forschung. Operationalisierungen ermöglichen uns einen Zugang zu ihnen. Es ist also wichtig, dass man sich auf diese Messanweisungen verlassen kann. Aus diesem Grund gibt es Bewertungsmaßstäbe für Messinstrumente.

Der „DLR-Test“ soll die psychologische Eignung von Piloten untersuchen und dient als Instrument für das Auswahlverfahren vieler Fluggesellschaften (DLR - Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin - Luft- und Raumfahrtpsychologie, 2017). Dieser Test entscheidet also, in wessen Hände viele Menschenleben und teure Flugzeuge gegeben werden. Es wäre also gut, wenn dieses Prüfverfahren auch vertrauenswürdig ist. Anhand des DLR-Tests sollen die Gütekriterien nun erklärt werden.

3.1 Objektivität

Eine Messung sollte unabhängig davon sein, wer diese durchführt (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Wenn also zehn verschiedene Versuchsleiter mit der gleichen Person beim DLR-Test zum gleichen Ergebnis kommen, dann ist der DLR-Test objektiv. Man unterscheidet drei verschiedene Arten von Objektivität:

Durchführungsobjektivität Die Durchführungsobjektivität beschreibt, ob das Verhalten des Versuchsleiters während der Testung einen Einfluss auf die Ergebnisse hat (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Um sie zu gewährleisten, wird die Durchführung von Experimenten und Tests möglichst maximal standardisiert. Dazu gehört, dass die Instruktionen – ob auf Papier oder mündlich – immer die gleichen sind. Auch sollten sich die Versuchsleiter den Versuchspersonen gegenüber immer gleich verhalten und jede weitere Interaktion zwischen Teilnehmer und Versuchsleiter sollte verhindert werden, weshalb Instruktionen für jeden verständlich gestaltet werden sollten (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). In unserem Beispiel, dem DLR-Test, kann man die Durchführungsobjektivität also durch einfache und standardisierte Instruktionen sichern.

Auswertungsobjektivität Die Auswertungsobjektivität ist dann gegeben, wenn gleiches Verhalten des Probanden immer nach exakt den gleichen Regeln in ein „empirisches Relativ“ übersetzt wird. Der Proband zeigt ein Verhalten oder macht in einem Fragebogen bestimmte Angaben, dies muss allerdings noch vergleichbar gemacht werden. Die Form, die die Daten einer Person annehmen, damit sie mit Daten anderer Personen verglichen werden können, nennt man Rohwerte, sie bilden das empirische Relativ. (Schmidt-Atzert & Amelang, 2012) Bekommen die Kandidaten beim Auswahlerfahren für Piloten die Aufgabe, eine Gruppendiskussion zu führen, so muss ein geeignetes Instrument gefunden werden, das das Verhalten der Probanden in Daten übersetzbar macht. Perfekte Auswertungsobjektivität ist gegeben, wenn gleiches Verhalten immer gleich übersetzt wird.

Interpretationsobjektivität Hat man gezeigten Verhalten oder Angaben in einem Fragebogen in Rohwerte übersetzt, muss diesen noch eine Bedeutung gegeben werden. Dies nennt man Interpretation. Die Interpretation ist objektiv, wenn gleiche Rohwerte immer in die gleichen Aussagen über den Probanden umformuliert werden. Dies kann sichergestellt werden, wenn es Angaben gibt, welches Merkmal durch welche Aufgaben

gemessen wird ( Benennung des Merkmals ) und welche Rohwerte welche Ausprägung dieses Merkmals darstellen ( Benennung der Ausprägung ; Schmidt-Atzert & Amelang, 2012) Wird beim DLR-Test mithilfe eines Fragebogens die Persönlichkeit gemessen, so muss klar sein, welche Fragen, welche Eigenschaft messen. Kreuzt jemand bei der Frage „Gehen Sie gerne von sich auf andere Menschen zu?“ die Antwortmöglichkeit „eher nicht“ an, so muss im sogenannten Testmanual nachgeschaut werden, dass die Frage zu der Gruppe von Fragen gehört, die „Offenheit messen“, in welchen Rohwert „eher nicht“ übersetzt werden soll und was der Rohwert aussagt. In den meisten Fragebögen gibt es mehrere Test-Items (Fragen oder Aufgaben) für ein Merkmal, um die Reliabilität (siehe unten) zu erhöhen. Deshalb müssen die Rohwerte einzelner Items meist addiert werden und können erst dann in eine Aussage umgewandelt, also interpretiert werden.

3.2 Reliabilität

Die Reliabilität beschreibt, wie genau ein Test ein Merkmal erfasst. Je genauer die Messung ist, desto weniger wird sie von unsystematischen Fehlern (Messfehlern) gestört. Es gibt verschiedene Schätzgrößen für die Reliabilität, die allerdings nicht alle das gleiche angeben. Die Kennwerte geben deshalb nicht immer die gleichen Ergebnisse und sind somit nicht austauschbar. (Schmidt-Atzert & Amelang, 2012)

Retest-Reliabilität Eine Möglichkeit, die Reliabilität zu schätzen, ist die Messwiederholung. Ein Test wird ein zweites (oder weiteres) Mal mit der gleichen Stichprobe durchgeführt. Die Korrelation zwischen den zwei Durchgängen gibt die Retest-Reliabilität an. Besonders interessant ist die Retest-Reliabilität, wenn durch die Testung eine Prognose getroffen werden soll. Denn man kann eine Retest-Reliabilität nutzen, für die genauso viel Zeit zwischen den Messungen lag, wie durch den Test in die Zukunft vorhergesagt werden soll. Natürlich ist die Retest-Reliabilität auch von der zeitlichen Stabilität eines Merkmals abhängig. Zwischen den Messungen kann sich ein Merkmal, zum Beispiel Wissen oder eine Fähigkeit, ändern. (Schmidt-Atzert & Amelang, 2012)

Paralleltestreliabilität Man gibt Probanden parallele Versionen von Tests und prüft die Korrelation zwischen den zwei Versionen. Es ist allerdings schwierig, tatsächlich parallele Tests zu konstruieren, die trotz unterschiedlicher Fragen oder Aufgaben das gleiche Merkmal messen. (Schmidt-Atzert & Amelang,

Testhalbierungsreliabilität Zwei Hälften eines Tests, die von einer Person durchgeführt wurde, werden miteinander korreliert. Wenn die Items der beiden Hälften vergleichbar sind, kommen die Ergebnisse diese Methode der Idee der Reliabilität am nächsten, da die Motivation der Teilnehmer und die Veränderbarkeit der Eigenschaft über die Zeit keinen Einfluss auf die Messung nehmen können. (Schmidt-Atzert & Amelang, 2012)

3.3 Validität

Wenn ein Test valide ist, dann misst er tatsächlich auch das, was er vorgibt zu messen. Schmidt-Atzert und Amelang (2012) beschreiben zudem, dass es sich um ein Urteil darüber handelt, „wie angemessen bestimmte Schlussfolgerungen vom Testwert auf das Verhalten außerhalb des Tests oder auf ein Merkmal der Person sind.“ Somit ist die Validität also das wichtigste Gütekriterium. Wenn der DLR-Test nicht valide wäre, bedeutete dies, dass aller Aufwand unnötig ist. Man könnte auch zufällig Personen auswählen, die

4. 1 Der Experimentalkontext

An den oben beschriebenen Kontrollmethoden sieht man, dass ein großer Aufwand betrieben wird, um den Einfluss von Störvariablen zu verhindern. Nur diesem kontrollierten Kontext ist zu verdanken, dass Experimente Kausalaussagen ermöglichen. Oft ist die Rede von einer Isolation des zu interessierenden Reizes (Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Dies bedeutet, dass bestimmte Situationen ohne ihren komplizierten Kontext aus dem Alltag in eine Laborsituation übertragen werden, um ihre Zusammenhänge zu untersuchen. Die Verhaltenspsychologie legt jedoch nahe, dass die Wirkung eines Reizes durch seinen Kontext bestimmt wird. Dies kann man „Verhaltenskontrolle durch Kontextreize“ nennen (Domjan & Grau, 2003)). Analog zum Paul Watzlawicks erstem Axiom der Kommunikation („Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“; Watzlawick, Beavin & Jackson, 1990) kann man sagen, dass es nicht möglich ist, einen Reiz ohne Kontext wahrzunehmen: Alles ist Kontext. Es gibt nicht keinen Kontext. Für das Experiment bedeutet das, dass auch die von allen Reizen befreite Laborsituation einen Kontext darstellt. Was bedeutet dies für unser Ziel, Kausalzusammenhänge zu untersuchen? Ein eindrucksvolles Beispiel für den Einfluss des Kontexts auf die Wahrnehmung von Reizen ist ein Experiment von Orne und Evans (1965). Probanden sollten mit bloßen Händen giftige Schlangen anfassen und Münzen aus schäumender Salpetersäure fischen – und taten dies auch. Später erklärten die Probanden, dass sie an ihren Schutz durch die Versuchsleiter glaubten. Hier sorgt der „Sicherheitskontext“ dafür, dass die Probanden sich anders verhalten haben, als sie es sonst tun würden. Der Reiz „ätzende Säure“ war also tatsächlich nicht isoliert, sondern eingebettet in eine Situation von Überwachung und Verantwortung (des Versuchsleiter den Teilnehmern gegenüber) und somit auch Sicherheit. Ein anderes Experiment, auch von Gustaf Orne, zeigt ebenfalls, wie wichtig es ist, den Kontext einer Situation zu beachten: Bei Messung der Elektrodermale Aktivität^3 eines Probanden steigt diese üblicherweise dann an, wenn sie lügen. In einem Experiment haben Ellson, Davis, Saltzman und Burke (1952) herausgefunden, dass Probanden schwerer beim Lügen zu entlarven sind, wenn ihnen gesagt wurde, dass sie den „Lügendetektor“ nicht täuschen können, während Probanden leichter zu interpretierende physiologische Daten liefern, wenn sie denken, dass es ihnen in vorherigen Durchgängen gelungen ist, den Lügendetektor zu täuschen. Diese Ergebnisse waren sehr überraschend, da man üblicherweise in Lügendetektortests immer betont, dass der Lügendetektor unfehlbar ist und alle Lügen sichtbar macht. Aufgrund der neuen Ergebnisse müsste man diese alte Strategie jedoch plötzlich ändern. Gustafson und Orne wollten das Problem genauer untersuchen. Als Erstes fanden sie in einer Replikation durch Fragebögen heraus, dass alle Probanden glaubten, ein Lügendetektor würde mit „normalen“ Menschen funktionieren, während notorische Lügner schwer zu entlarven seien. In einem weiteren Experiment (Gustafson & Orne, 1965) wurden die Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine wurde mit den folgenden Worten auf den Versuch vorbereitet: „Wir wollen testen, wie gut der Lügendetektor funktioniert. Wie Sie wissen, ist es im Falle von psychopathischen Persönlichkeiten oder notorischen Lügnern nicht möglich, Lügen aufzudecken. Wir wollen Sie bitten, in diesem Experiment ihr Bestmögliches zu geben, den Lügendetektor zu täuschen.“ Diese Bedingung ähnelt der im Versuch von Ellson et al., da die Probanden so die gleiche Vorstellung über die Täuschbarkeit von Lügendetektoren haben. Sie denken, dass nur Menschen mit schlechten Eigenschaften einen Lügendetektor täuschen können. Die Probanden wollen natürlich nicht, dass jemand von ihnen denkt, dass sie Psychopathen seien und sie nahmen mit der Erwartung und Hoffnung, vom Lügendetektor entlarvt zu werden, an der Studie teil. Die zweite Gruppe erhielt folgende Instruktionen: „Dies ist eine Lügendetektor-Studie. Es ist zwar sehr schwer, einen Lügendetektor zu täuschen, besonders intelligenten, emotional stabilen und reifen Personen gelingt dies allerdings.“ Hier wird die Vorstellung gezielt verändert. Die Probanden denken, ein gutes Bild von

sich zu geben, wenn sie den Lügendetektor täuschen. Den Lügendetektor zu täuschen, wird zum Ziel der Probanden. Im tatsächlichen Versuch wurde den Versuchspersonen eine Zahl zwischen 1 und 9 vorgegeben, die sie sich merken sollten. Dann wurden ihnen der Reihe nach alle neun möglichen Zahlen präsentiert, wobei ihre elektrodermale Aktivität gemessen wurde. Die Probanden sollten über jede Zahl sagen, dass es nicht ihre sei, also einmal lügen. Nach dem ersten Lügendetektor-Durchgang wurden beide Gruppen wieder zweigeteilt: Es wurde ihnen entweder gesagt, dass ihre Lüge entdeckt wurde, indem ihnen ihre wahre Zahl präsentiert wurde, oder man präsentierte eine falsche Zahl, um ihnen zu zeigen, dass sie den Lügendetektor täuschen konnten. (Dies war möglich, da die Versuchsleiter durch heimliche Überwachung die Zahlen der Probanden kannten.) Tabelle 4 stellt in einer Vierfeldertafel den weiteren Verlauf der Studie in Abhängigkeit von der Gruppenzugehörigkeit dar:

Tabelle 4. Unterschiede zwischen den Bedingungen des Experiments

UV
UV

Information: Täuschung misslungen

Information: Täuschung gelungen Täuschungsfähigkeit „gut“ leicht zu entdecken schwer zu entdecken Täuschungsfähigkeit „schlecht“

schwer zu entdecken leicht zu entdecken

Anmerkungen. Schwierigkeit, die elektrodermale Aktivität der Probanden zu messen, in Abhängigkeit von den Informationen, die die Probanden zu Beginn der Studie erhalten haben und der Rückmeldung zu ihrer Lügefähigkeit.

Das interessante Ergebnis der Studie ist, dass Probanden, deren Wunsch erfüllt wurde, schwerer zu entdecken waren, egal, um welche Art von Wunsch es sich handelt: durch geschicktes Lügen einen guten Eindruck zu machen, oder durch ungeschicktes Lügen zu zeigen, dass man kein Psychopath oder notorischer Lügner ist. Waren die Probanden frustriert, da sie in einer Situation waren, die sie schlecht dastehen ließ, waren sie auch schlechtere Lügner.

Auch in diesem Beispiel kann man eine Art Kontext für die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Probanden verantwortlich machen. Dieser Kontext besteht aus den Werten und Vorstellungen, die die Probanden haben. Im Experiment von Ellson et al. brachten die Probanden selbst die Vorstellung (ihren „eignen Kontext“) mit, dass nur kriminelle Personen, einen Lügendetektor täuschen können und urteilten deshalb über die Situation, dass sie einen besseren Eindruck hinterlassen, wenn sie vom Lügendetektor beim Lügen erkannt werden. Diese Erwartungen und Werte wurden in Gustafsons und Ornes Experiment gezielt durch die Informationen in der Instruktion manipuliert. Die Probanden erhielten unterschiedliche Informationen hinsichtlich der Bedeutung ihrer Lügefähigkeit und dieser Unterschied führte zu zwei gegensätzlichen Effekten. Bliebe die Störvariable „Glaube über Lügendetektoren“ unentdeckt, könnte man fatale Folgen aus dem ersten Experiment von Ellson et al. ziehen. Dank Gustafson & Ornes Studie wissen wir aber, dass Befragte, die nicht durchschaut werden wollen, leichter zu durchschauen sind, wenn sie denken, dass sie ihr Ziel nicht erreichen.

4.2 Soziale Erwünschtheit und Ideale der Probanden

Ein weiterer Einflussfaktor auf Experimente wird in Gustafson & Ornes Studie sichtbar: Der Einfluss von Experimentalbedingungen ist von den Motiven der Probanden abhängig. Ein Proband kann möglichst gute Ergebnisse erzielen wollen, um intelligent oder leistungsfähig zu wirken, er kann aber auch durchschnittliche Daten produzieren wollen, wenn er einen gesunden und „unbescholtenen“

4.5 Geist + Realität = Wahrnehmung

Die Suche des Menschen nach demand characteristics, die eine Situation leichter interpretierbar machen, zeigt, dass in einem Experiment immer eine Wechselwirkung zwischen dem menschlichen Geist und dem objektiv vorhandenen Kontext besteht. Der Geist jedes Menschen besteht aus unterschiedlichen Erfahrungen und den darauf basierenden Werten und Erwartungen. Man kann sich vorstellen, dass allen Reizen, die auf den Menschen treffen, zunächst durch diesen persönlichen Filter eine bestimmte Bedeutung verliehen wird, bevor sie die Wahrnehmung des Menschen bilden. Aufgrund persönlicher Unterschiede in der Erfahrung entsteht das individuelle Erleben aller Menschen und letztlich ihr unterschiedliches Verhalten in objektiv gleichen Situationen. Gustafsons und Ornes Lügendetektorexperiment (1965) zeigt diesen Einfluss des bewertenden Filters sehr schön: Probanden, die Lügefähigkeit als etwas Gutes ansahen, zeigten ganz andere Ergebnisse als Probanden, die Lügefähigkeit für etwas Schlechtes hielten. Menschen unterscheiden sich also stark von anderen „Variablen“ einer Messung. Ein Holzbrett kann einem Reiz ausgeliefert werden, zum Beispiel Druck, und reagiert daraufhin auf eine für Holzbretter typische Weise – es bricht. Ein Mensch lässt Reize allerdings nicht nur auf sich wirken, sondern verarbeitet sie auch. Daraus ergeben sich viele Komplikationen für Experimente. Versteht man die Wirkprinzipien des menschlichen Geistes, kann man allerdings mit diesen Effekten umgehen, da sie vorhersehbarer werden.

Abbildung 3. Zusammenhang zwischen der „objektiven“ Realität (wenn man davon ausgeht, dass es sie gibt), der geistigen Verarbeitung des Menschen und seiner subjektiven Wahrnehmung. Man sieht, dass sich die subjektive Wahrnehmung nur zum Teil mit dem Bereich der objektiven Realität überschneidet.

5. Kognitive Mechanismen

Für alle Tiere und Menschen ist es wichtig, eine Situation schnell erfassen und bewerten zu können, um die sicherste und vorteilhafteste Reaktion zu zeigen. Der Mensch hat einige kognitive (also geistige) Mechanismen, die ihm das Leben erleichtern, allerdings auch dafür sorgen, dass wir niemals die Welt so wahrnehmen können, wie sie tatsächlich ist, sondern „nur“ eine für schnelle Schlussfolgerungen und Reaktionen optimierte Version.

5.1 Der Mensch als Wissenschaftler – Kellys persönliche Konstrukte

Eine Erklärung für eine Vielzahl von Effekt steckt in der von George A. Kelly eingeführten Formulierung „Der Mensch als Wissenschaftler“. Wieso ist der Begriff „Mensch als Wissenschaftler“ passend? Die Ziele der psychologischen Wissenschaften werden meist wie folgt formuliert: Menschliches Erleben und Verhalten soll erklärt , vorhergesagt und kontrolliert werden können (Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2010). Der Wissenschaftler unterscheidet sich dabei überhaupt nicht

Geist

Erfahrungen Auf Erfahrungen basierende Erwartungen

Objektive Realität

Subjektive Wahrnehmung

von allen anderen Menschen, vielmehr nimmt er diese ihm angeborenen Eigenschaft in seinen Beruf mit. Denn für Kelly strebt jeder Mensch danach, Kontrolle über sich und seine Umwelt zu haben, um sicherer zu sein, also länger und gesünder zu leben. In einer Zusammenfassung seines Wissens, “Personal construct theory and the psychotherapeutic interview” (Kelly, 1977), schreibt er: “A person lives his life by reaching out for what comes next and the only channels he has for reaching are the personal constructions he is able to place upon what may actually be happening.” (“Eine Person lebt ihr Leben, indem sie danach reicht, was als nächstes passiert, und der einzige Weg, den sie hat, um danach zu greifen, sind die persönlichen Konstrukte, die sie in der Lage ist, über das drüberzustülpen, was möglicherweise tatsächlich passieren wird.” (Übers. d. Verf.) In diesem Zitat sieht man, was Kellys größter Verdienst in der Psychologie war: Er beschreibt die persönlichen Konstrukte , die später die Grundlage der „kognitiven Wende“ sein sollten. In den Begriff der persönlichen Konstrukte hat Kelly seine Annahme verpackt, dass die Dinge, die wir wahrnehmen, keine objektiven Repräsentationen der Welt sind, sondern selbst konstruierte Vorstellungen darüber, welche Zusammenhänge herrschen. Seine weitreichende Schlussfolgerung ist, dass es keinen wirklichen „Realismus“ geben kann und dieser nur als eine Art Dogma existiert, das den Menschen einengt und ihm Angst macht – genauso wie auch die naturwissenschaftliche Suche nach absoluter Wahrheit.^2 Deswegen plädierte Kelly dafür, zu akzeptieren, dass wir unsere Realität, also unsere Wahrnehmung, selbst schaffen und somit selbst der Ursprung unserer Gefühle und unseres Verhaltens sind. Kelly nutzte das Konzept der persönlichen Konstrukte vor allem als Therapeut, um zu verstehen, woher psychische Probleme rühren. Der oben erwähnte Artikel “Personal construct theory and the psychotherapeutic interview” (Kelly, 1977) bietet einen schönen Einblick in seine Sichtweise und den daraus resultierenden Therapieansatz.

5.1.1 Die Entwicklung eines Konstrukts

Der Mensch baut sich seine Konstrukte, indem er sich wiederholende Muster erkennt und sich diese merkt. Diese sich wiederholenden Muster bilden die Grundlage für Erwartungen. (Genauso nimmt man in der Forschung an, dass Ereignisse, die in der Vergangenheit am häufigsten vorgekommen sind, der beste Schätzer für zukünftige Ereignisse sind; Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Konstrukte sind außerdem plastisch, sie werden laufend durch Erfahrungen angepasst. Die Konstrukte eines Menschen sind eine Persönlichkeitseigenschaft. Sie bestimmen nämlich, wie wir die Welt wahrnehmen. Sie sind sozusagen der Filter, der unsere Sichtweise formt, auf deren Grundlage wir wiederum handeln. Hierher rührt auch Kellys Vorstellung, dass es keinen Realismus geben kann. Schließlich versucht jeder Mensch mit seinem eigenen, „selbstgebauten“ Filter, Eindrücke zu sortieren. Das Wort sortieren beinhaltet immer eine Wertung, ein System, nach dem Objekte einem Platz zugewiesen werden. Genauso steckt – gebildet durch unsere Erfahrungen – in unseren Köpfen ein System, das Sinn und Zusammenhang zwischen den Reizen unserer Umwelt herstellt. Eine objektive Betrachtung der Welt ist also nicht möglich.

Um das am eigenen Leib zu erfahren, muss man nur die zwei unteren Spalten lesen:

KATZE BEIN
MAUS ARM
VOGEL KOPF
HAMSTER SCHULTER
FISCH KNIE
H?ND H?ND

(^2) Hier sieht man einen Zusammenhang zu der anfangs erwähnten Theorie von Kuhn (siehe Abschnitt 1). Auch

wissenschaftliche Entdeckungen entstehen aus einem Paradigma heraus (Kuhn, 1970), sind also niemals frei von einem Kontext. Ohne dazugehöriges Theoriekonstrukt verlieren wissenschaftliche Vorstellungen ihren Wert.