Die Nibelungen, Prüfungen von Musik

Meiner Frau,. Christine Henriette, geb. Engehausen. Ich war an einem schönen Maientag,. Ein halber Knabe noch, in einem Garten.

Art: Prüfungen

2021/2022

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Friedrich Hebbel
Die Nibelungen
Ein deutsches Trauerspiel in drei Abteilungen
Widmung:
Meiner Frau,
Christine Henriette,
geb. Engehausen
Ich war an einem schönen Maientag,
Ein halber Knabe noch, in einem Garten
Und fand auf einem Tisch ein altes Buch.
Ich schlug es auf, und wie der Höllenzwang,
Der, einmal angefangen, wär es auch
Von einem Kindermund, nach Teufelsrecht,
Trotz Furcht und Graun, geendigt werden muß,
So hielt dies Buch mich fest. Ich nahm es weg
Und schlich mich in die heimlichste der Lauben
Und las das Lied von Siegfried und Kriemhild.
Mir war, als säß ich selbst am Zauberborn,
Von dem es spricht: die grauen Nixen gossen
Mir alle ird'schen Schauer durch das Herz,
Indes die jungen Vögel über mir
Sich lebenstrunken in den Zweigen wiegten
Und sangen von der Herrlichkeit der Welt.
Erst spät am Abend trug ich starr und stumm
Das Buch zurück, und viele Jahre flohn
An mir vorüber, eh ich's wieder sah.
Doch unvergeßlich blieben die Gestalten
Mir eingeprägt, und unauslöschlich war
Der stille Wunsch, sie einmal nachzubilden,
Und wär's auch nur in Wasser oder Sand.
Auch griff ich oft mit halb beherztem Finger,
Wenn etwas andres mir gelungen schien,
Nach meinem Stift, doch nimmer fing ich an.
Da trat ich einmal in den Musentempel,
Wo sich die bleichen Dichterschatten röten,
Wie des Odysseus Schar, von fremdem Blut.
Ein Flüstern ging durchs Haus, und heil'ges Schweigen
Entstand sogleich, wie sich der Vorhang hob,
Denn Du erschienst als Rächerin Kriemhild.
Es war kein Sohn Apolls, der Dir die Worte
Geliehen hatte, dennoch trafen sie,
Als wären's Pfeile aus dem goldnen Köcher,
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Friedrich Hebbel

Die Nibelungen

Ein deutsches Trauerspiel in drei Abteilungen

Widmung:

Meiner Frau,

Christine Henriette,

geb. Engehausen

Ich war an einem schönen Maientag, Ein halber Knabe noch, in einem Garten Und fand auf einem Tisch ein altes Buch. Ich schlug es auf, und wie der Höllenzwang, Der, einmal angefangen, wär es auch Von einem Kindermund, nach Teufelsrecht, Trotz Furcht und Graun, geendigt werden muß, So hielt dies Buch mich fest. Ich nahm es weg Und schlich mich in die heimlichste der Lauben Und las das Lied von Siegfried und Kriemhild. Mir war, als säß ich selbst am Zauberborn, Von dem es spricht: die grauen Nixen gossen Mir alle ird'schen Schauer durch das Herz, Indes die jungen Vögel über mir Sich lebenstrunken in den Zweigen wiegten Und sangen von der Herrlichkeit der Welt. Erst spät am Abend trug ich starr und stumm Das Buch zurück, und viele Jahre flohn An mir vorüber, eh ich's wieder sah. Doch unvergeßlich blieben die Gestalten Mir eingeprägt, und unauslöschlich war Der stille Wunsch, sie einmal nachzubilden, Und wär's auch nur in Wasser oder Sand. Auch griff ich oft mit halb beherztem Finger, Wenn etwas andres mir gelungen schien, Nach meinem Stift, doch nimmer fing ich an. Da trat ich einmal in den Musentempel, Wo sich die bleichen Dichterschatten röten, Wie des Odysseus Schar, von fremdem Blut. Ein Flüstern ging durchs Haus, und heil'ges Schweigen Entstand sogleich, wie sich der Vorhang hob, Denn Du erschienst als Rächerin Kriemhild. Es war kein Sohn Apolls, der Dir die Worte Geliehen hatte, dennoch trafen sie, Als wären's Pfeile aus dem goldnen Köcher,

Der hell erklang, als Typhon blutend fiel. Ein lauter Jubel scholl durch alle Räume, Wie Du, die fürchterlichste Qual im Herzen Und grause Schwüre auf den blassen Lippen, Dich schmücktest für die zweite Hochzeitsnacht; Das letzte Eis zerschmolz in jeder Seele Und schoß als glühnde Träne durch die Augen, Ich aber schwieg und danke Dir erst heut. Denn diesen Abend ward mein Jugendtraum Lebendig, alle Nibelungen traten An mich heran, als wär ihr Grab gesprengt, Und Hagen Tronje sprach das erste Wort. Drum nimm es hin, das Bild, das Du beseelt, Denn Dir gehört's, und wenn es dauern kann, So sei's allein zu Deinem Ruhm und lege Ein Zeugnis ab von Dir und Deiner Kunst!

Giselher. Wen meint der Ohm?

Hagen. Gekreuzigt ist er auch, Gestorben und begraben. – Oder nicht?

Gerenot. Er spricht vom Heiland.

Hagen. Ist's denn noch nicht aus? – Wer hält mit mir? Ich eß kein Fleisch zur Nacht, Das nicht bis Mittag in der Haut noch steckt, Auch trink ich keinen Wein, als aus dem Horn, Das ich dem Auerstier erst nehmen muß!

Gunther. So wirst du Fische kauen müssen, Freund, Am Ostermorgen gehn wir nicht zur Jagd.

Hagen. Was tun wir denn? Wo ist der heil'ge Mann? Was ist erlaubt? Ich hör die Vögel pfeifen, Da darf der Mensch sich doch wohl fiedeln lassen? (Zu Volker.) So fiedle, bis die letzte Saite reißt!

Volker. Ich fiedle nicht, solang die Sonne scheint, Die lust'ge Arbeit spar ich für die Nacht.

Hagen. Ja, du bezögst auch dann noch dir die Geige Gern mit des Feindes Darm und strichest sie Mit einem seiner Knochen.

Volker. Würdest du Vielleicht auf die Bedingung Musikant?

Hagen. Ich kenne dich, mein Volker. Ist's nicht so? Du redest nur, wenn du nicht fiedeln darfst, Und fiedelst nur, wenn du nicht schlagen kannst.

Volker. Mag sein, Kumpan.

Gunther. Erzähl uns was, der Tag Wird sonst zu lang. Du weißt so mancherlei Von starken Recken und von stolzen Fraun.

Hagen. Nur von Lebend'gen, wenn es dir beliebt, Daß man sich sagen darf: die krieg ich noch, Den vor mein Schwert und die in meinen Arm.

Volker. Ich will dir von Lebendigen erzählen, Und der Gedanke soll dir doch vergehn. Ich kenn den Recken, den du nimmer forderst, Und auch das Weib, um das du nimmer wirbst.

Hagen. Wie! Auch das Weib? Den Recken laß ich gelten, Doch auch das Weib? Du meinst den Schlangentöter, Den Balmungschwinger, den gehörnten Siegfried, Der, als er einmal Schweiß vergossen hatte, Durchs Bad sich deckte vor dem zweiten Mal – Allein das Weib?

Volker. Ich sag dir nichts von ihr! Du könntest ausziehn, um sie heimzuführen, Und kämst gewiß nicht mit der Braut nach Haus. Der Schlangentöter selbst wird sich besinnen, Ob er als Freier bei Brunhilden klopft.

Hagen. Nun, was Herr Siegfried wagt, das wag ich auch. Nur gegen ihn erheb ich nicht die Klinge: Das wär ja auch, wie gegen Erz und Stein. Glaubt's oder zweifelt, wie es Euch gefällt: Ich hätt' mich nicht im Schlangenblut gebadet, Darf denn noch fechten, wer nicht fallen kann?

Giselher (zu Volker). Schon hört ich tausend Zungen von ihm plappern, Doch, wie die Vögel durcheinander zwitschern, Es gab kein Lied. Sprich du einmal von ihm!

Gunther. Vom Weibe erst. Was ist das für ein Weib?

Volker. Im tiefen Norden, wo die Nacht nicht endet, Und wo das Licht, bei dem man Bernstein fischt Und Robben schlägt, nicht von der Sonne kommt, Nein, von der Feuerkugel aus dem Sumpf –

(Man hört in der Ferne blasen.)

Hagen. Trompeten!

Gunther. Nun?

Volker. Dort wuchs ein Fürstenkind Von wunderbarer Schönheit auf, so einzig, Als hätte die Natur von Anbeginn Haushälterisch auf sie gespart und jeder Den höchsten Reiz des Weibes vorenthalten,

Was gibt's?

Hagen (tritt ans Fenster). Das ist der Held aus Niederland.

Gunther. Du kennst ihn?

Hagen. Schau nur hin! Wer zöge wohl So trotzig bei uns ein, wenn er's nicht wäre, Und hätte doch nur zwölfe im Gefolg!

Gunther (tritt gleichfalls ans Fenster). Ich glaub es selbst! Doch sprich, was führt ihn her?

Hagen. Ich weiß nicht, was ihn reizt! Er kommt wohl nicht, Um sich vor dir zu bücken, und er hat Zu Haus doch alles, was man wünschen kann.

Giselher. Ein edler Degen!

Gunther. Wie empfängt man ihn?

Hagen. Du dankst ihm, rat ich, wie er dich begrüßt.

Giselher. Ich gehe ihm entgegen!

Gerenot. So auch ich!

Hagen. Wer's tut, der wird sich nicht erniedrigen! Denn, daß er's euch nicht selbst zu melden braucht: Er steckt nicht bloß in seiner Haut von Horn Und hat die Balmung-Klinge an der Seite, Er ist auch Herr des Nibelungenhorts Und trägt die Nebelkappe Alberichs, Und alles das, ich muß es redlich sagen, Durch seine Kraft und nichts durch Hinterlist, Drum geh ich mit.

Gunther. Wir kommen schon zu spät.

Zweite Szene

Siegfried (tritt mit seinen zwölf Recken ein). Ich grüß dich, König Gunther von Burgund! – Du staunst, daß du den Siegfried bei dir siehst? Er kommt, mit dir zu kämpfen um dein Reich!

Gunther. Hier kämpft man nicht um das, was man schon hat!

Siegfried. Um das denn, was dran fehlt! Ich hab ein Reich, So groß, wie deins, und wenn du mich besiegst, So bist du Herr darin. Was willst du mehr? Du greifst noch nicht zu deinem Schwert? Ich hörte Ja doch, daß hier die Tapfersten der Recken Versammelt seien, kühn genug, mit Thor Zu kämpfen um den Donner, wenn sie ihn In irgendeinem Eichenhaine träfen, Und stolz genug, die Beute zu verschmähn. Ist das nicht wahr? Wie? Oder zweifelst du An meinem Pfande, glaubst du, daß ich's dir Nicht geben kann, weil noch mein Vater lebt? Herr Sigmund steigt von seinem Thron herunter, Sobald ich wiederkehre, und er wünscht Sich sehnlich diesen Augenblick herbei, Denn selbst der Zepter wird dem Greis zu schwer. Und jeden Helden, der dir dienen mag, Wäg ich dir auf mit dreien, jedes Dorf Mit einer Stadt, und für ein Stück vom Rhein Biet ich den ganzen dir! So komm und zieh!

Dankwart. Wer spricht mit einem König so?

Siegfried. Ein König! Spricht doch ein Degen so mit einem Degen! Wer kann und mag besitzen, wenn er nicht Bewiesen hat, daß er mit Recht besitzt? Und wer erstickt das Murren um sich her, Bevor er den Gewaltigsten, der lebt, Zu Boden warf, und ihn mit Füßen trat? Bist du das nicht? So sag mir, wen du fürchtest, Und gleich zur Stunde zieh ich wieder ab Und fordre den, statt deiner, vor mein Schwert! Du nennst ihn nicht und greifst auch nicht zur Wehr? Ich brenne, mich zu messen mit dem Recken, Der mir mein Gut verdoppelt oder nimmt – Wär dies Gefühl dir fremd? Das glaub ich nicht, Wenn ich auch nur auf deine Diener blicke: So stolze Männer würden dir nicht folgen, Empfändest du nicht ganz so, wie ich selbst.

Dankwart. Du bist gewiß aufs Kämpfen so versessen, Seit du des Lindwurms Schuppenpanzer trägst? Nicht jedermann betrog den Tod, wie du, Er findet eine offne Tür bei uns.

Die nie zu weinen pflegte, wenn ich zog, Und diesmal weinte, als ob alles Wasser Der Welt den Weg durch ihre Augen nahm. Das machte mir den Kopf so wirr und kraus, Ich wollte gar vom Pferde nicht herunter – Jetzt bringt Ihr mich so bald nicht mehr hinauf.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Ute und Kriemhild treten auf.

Ute. Der Falk ist dein Gemahl!

Kriemhild. Nicht weiter, Mutter, Wenn du den Traum nicht anders deuten kannst. Ich hörte stets, daß Liebe kurze Lust Und langes Leid zu bringen pflegt, ich seh's Ja auch an dir und werde nimmer lieben, O nimmer, nimmer!

Ute. Kind, was sagst du da? Wohl bringt die Liebe uns zuletzt auch Leid, Denn eines muß ja vor dem andern sterben, Und wie das schmerzt, das magst du sehn an mir. Doch all die bittren Tränen, die ich weine, Sind durch den ersten Kuß vorausbezahlt, Den ich von deinem Vater einst empfing. Auch hat er, eh er schied, für Trost gesorgt, Denn wenn ich stolz auf tapfre Söhne bin, Und wenn ich dich jetzt an den Busen drücke, So kann's doch nur geschehn, weil ich geliebt. Drum laß dich nicht durch einen Reim erschrecken: Ich hatte lange Lust und kurzes Leid.

Kriemhild. Viel besser, nie besitzen, als verlieren!

Ute. Und was verlierst du nicht auf dieser Welt! Sogar dich selbst. Bleibst du denn, was du bist? Schau mich nur an! So sehr du lächeln magst: Ich war vordem, wie du, und glaube mir, Du wirst dereinst, wie ich. Was willst du halten, Wenn du dich selbst nicht einmal halten kannst? Drum nimm's, wie's kommt, und greife, wie wir alle, Nach dem, was dir gefällt, obgleich der Tod Es dir zu Staub zerbläst, sobald er will: Die Hand, mit der du's packst, zerstäubt ja auch.

Kriemhild (tritt zum Fenster). Wie mir's ums Herz ist, Mutter, könnt ich schwören – (Sie schaut hinaus und bricht ab.)

Ute. Was brichst du ab? Du wirst ja feuerrot? Was hat dich so verwirrt?

Kriemhild (tritt zurück). Seit wann ist's Brauch An unserm Hof, daß wir's nicht mehr erfahren, Wenn fremde Gäste eingezogen sind? Wird diese stolze Burg zu Worms am Rhein Der Schäferhütte gleich, in der sich jeder Bei Nacht und Tag verkriechen kann, der will?

Ute. Warum so hitzig?

Kriemhild. Ei, ich wollte eben Im Hofe nach den jungen Bären schaun, Die so possierlich durcheinanderkugeln, Und wie ich ohne Arg den Laden öffne, Da stiert mir plump ein Recke ins Gesicht.

Ute. Und dieser Recke machte dir's unmöglich, Den Schwur zu endigen, den du begannst? (Sie tritt gleichfalls zum Fenster.) Ei freilich, wer ihn sieht, wie er da steht, Der überlegt sich's, ob er weiter schwört.

Kriemhild. Was kümmern mich die Gäste meines Bruders, Wenn ich nur weiß, wie ich sie meiden kann.

Ute. Nun, diesmal freut's mich, daß dir bloß der Zorn Die Wangen färbt, denn dieser junge Held, Der zwischen dich und deine Bären trat, Ist längst vermählt und hat schon einen Sohn.

Kriemhild. Du kennst ihn?

Ute. Ganz gewiß!

Kriemhild. Wie heißt er denn?

Ute. Ich weiß es nicht! Jetzt aber kenn ich dich, Du bist ja bleich geworden, wie der Tod! Und wahrlich, wenn du diesen Falken fängst, So hast du nichts vom Adler zu besorgen, Er nimmt's mit jedem auf, ich bürge dir!

Ute. Um einen Schuh Dies Kind zu überwerfen –

Kriemhild. Ist nicht viel! Besonders, wenn man sich dabei noch spreizt.

Ute. Und wie er keucht!

Kriemhild. Für einen solchen Riesen Possierlich g'nug! Wär ich's, verdient ich Mitleid, Denn für ein Mädchen wär es schon ein Stück.

Ute. Nun macht sich unser Gerenot ans Werk. Es steht ihm gut, nicht wahr? Er hat von allen Die meiste Ähnlichkeit mit seinem Vater, Nur mutig zu, mein Sohn! – Das ist ein Wurf!

Kriemhild. Der Bär sogar ist überrascht, er hat Sich's nicht erwartet und wird plötzlich flink.

Ute. Zieh du auf Abenteuer, wann du willst! – Doch Giselher bleibt hier.

Kriemhild. Wie geht's denn fort? – Nein, mache mir nicht Platz, ich seh's schon so.

Ute. Jetzt kommt der Recke wieder! Doch er strengt Sich nicht mehr an, er scheint sich im voraus Des Sieges zu begeben. Wie man sich Doch irren kann! – Was tut er aber da? Er dreht sich um – er kehrt dem Ziel den Rücken, Anstatt der Augen zu – er wirft den Stein Hoch über Kopf und Achsel weg – Ja wohl, Man kann sich irren! Gerenot ist auch Besiegt, wie Giselher.

Kriemhild. Es macht zwar wieder Nur einen Schuh! Doch diesmal keucht er nicht.

Ute. Es sind doch gute Kinder, die ich habe. Treuherzig reicht ihm Gerenot die Hand, Ein andrer würde nach der Klinge greifen, Denn solch ein Übermut ist gar nicht fein.

Kriemhild. Man sieht's ja wohl, daß er's nicht übel meint.

Ute. Herr Volker legt die Geige still beiseite, Die er so höhnisch strich!

Kriemhild. Der eine Schuh Stört ihn in seiner Lust. Die Reihe wäre Am Marschall jetzt, wenn's langsam, wie bei Treppen, Hinauf gehn soll, doch König Gunther drängt Herrn Dankwart ungestüm zurück, er will Sich selbst versuchen.

Ute. Und er tut's mit Glück. Zweimal so weit, als Gerenot.

Kriemhild. Und dennoch Nicht weit genug. Du siehst, der Recke folgte Sogleich, und wieder fehlt der eine Schuh.

Ute. Der König lacht. Ei nun, so lach ich auch! – Ich sah's ja längst, daß dies der Falke ist, An dem dein Traum sich nicht erfüllen kann; Doch hat er jetzt die volle Kraft gebraucht.

Kriemhild. Nun tritt der Tronjer an.

Ute. Dem schwärt's im Herzen, So fröhlich er auch tut! – Er packt den Stein, Als wollt er ihn zermalmen. Wie der fliegt! Bis an die Wand! Nun, weiter kann er nicht. Das ist ein Wurf, den keiner übertrifft, Selbst für den einen Schuh ist nicht mehr Platz.

Kriemhild. Der Recke holt sich doch den Stein noch wieder.

Ute. Wozu nur? – Großer Gott, was gibt es jetzt? Bricht über unserm Haupt die Burg zusammen? Das dröhnt!

Kriemhild. Bis in den Turm hinauf. Die Dohlen Und Fledermäuse fahren aus den Nestern –

Ute. Sie fliegen blind ins Licht hinein!

Kriemhild. Die Wand Hat einen Riß.

Ute. Unmöglich.

Gunther. Noch einmal willkommen! Und glücklich pries ich mich, wenn's mir gelänge, Dich anders, als für flüchtigen Besuch An mich zu fesseln. Doch, was hätte ich, Das ich dir bieten könnte. Wär es auch Mein rechter Arm – mit dem ich mir den Dienst Von deinem linken gern erkaufen möchte – Du sagtest nein und kämst wohl auch zu kurz!

Siegfried. Nimm dich in acht, ich bettle, eh du's denkst!

Gunther. Was es auch sei, es ist voraus gewährt.

Siegfried. Hab Dank für dieses Wort! Ich werde dir Es nie vergessen, doch ich gebe dir's Sogleich zurück, denn meine Wünsche sind Vermeßner, als du ahnst. Ich war bescheiden, Als ich dein Reich bloß forderte.

Gunther. Du wirst Mich nicht erschrecken.

Siegfried. Hörtest du vielleicht Von meinen Schätzen? Nun, das ist gewiß, Für Gold und Silber brauchst du nicht zu zittern, Ich hab so viel davon, daß ich es lieber Verschenkte, als zu Hause schleppte, doch Was hilft's mir? Was ich dafür kaufen möchte, Ist nimmer feil!

Gunther. Das ist?

Siegfried. Du rätst es nicht? – Ein anderes Gesicht, als dieses hier!

Gunther. Hast du die Kraft des alten schon erprobt?

Siegfried. An meiner Mutter, ja! Und da mit Glück, Denn ihr gefällt's!

Gunther. Nicht sonst noch?

Siegfried. Allerdings! Hast du's denn nicht bemerkt? Ein Mägdlein sah Vorhin auf uns herunter in den Hof, Und als sie, ihre goldnen Locken schüttelnd, Die, wie ein Vorhang, ihr die Augen deckten, Mich unter euch erblickte, fuhr sie rascher Zurück, wie ich, als sich im Reich der Zwerge

Die Erde, die mein Fuß betrat, auf einmal Zu einem Angesicht zusammenzog, Das mir die Zähne zeigte!

Gunther. Bloße Scheu! Versuch's nur immer weiter. Wenn's dir aber Am Werber fehlt: ich leiste dir den Dienst, Nur mußt du mir den gleichen auch erweisen, Denn Kriemhild, meine Schwester, darf nicht ziehn, Bevor hier Brunhild ihren Einzug hielt.

Siegfried. Welch einen Namen nennst du da, o König? Die nord'sche Jungfrau denkst du heimzuführen, Der flüss'ges Eisen in den Adern kocht? Oh, gib es auf!

Gunther. Warum? Ist sie's nicht wert?

Siegfried. Nicht wert! Ihr Ruhm durchfliegt die Welt! Doch keiner Kann sie im Kampf bestehen, bis auf einen, Und dieser eine wählt sie nimmermehr.

Gunther. So sollte ich aus Furcht vor ihr nicht werben? Welch eine Schmach! Viel lieber gleich den Tod Von ihrer Hand, als tausend Jahre Leben In dieser Ohnmacht schimpflichem Gefühl.

Siegfried. Du weißt nicht, was du sprichst. Ist's Schmach für dich, Daß dich das Feuer brennt, und daß das Wasser Dich in die Tiefe zieht? Nun, sie ist ganz, Wie's Element, und einen Mann nur gibt's, Der sie bewält'gen und, wie's ihm gefällt, Behalten oder auch verschenken kann! Doch möchtest du sie wohl von einem nehmen, Der nicht ihr Vater, noch ihr Bruder ist?

Gunther. Erst werd ich sehen, was ich selbst vermag!

Siegfried. Es glückt dir nicht, es kann dir gar nicht glücken, Sie wirft dich in den Staub! Und glaube nicht, Daß Milde wohnt in ihrer ehrnen Brust, Und daß sie etwa, wenn sie dich erblickt, Es gar zu einem Kampf nicht kommen läßt! Das kennt sie nicht, sie streitet um ihr Magdtum, Als wär ihr Leben selbst daran geknüpft, Und wie der Blitz, der keine Augen hat, Oder der See, der keinen Schrei vernimmt,

Wir hören's gern und waren schon dabei, Es selbst zu tun.

Siegfried. Auch das! Mich trieb die Lust Am Kampf so weit hinunter, und ich traf Dort gleich den ersten Tag bei einer Höhle Zwei junge Recken, die sich grimmig stritten. Es waren Brüder, König Niblungs Söhne, Die ihren Vater kaum begraben hatten – Erschlagen auch, wie ich nachher vernahm – Und schon ums Erbe zankten. Ganze Haufen Von Edelsteinen lagen aufgetürmt Um sie herum, dazwischen alte Kronen, Seltsam gewundne Hörner und vor allem Der Balmung, aus der Höhle aber blitzte Das rote Gold hervor. Als ich erschien, Verlangten sie mit wildem Ungestüm, Daß ich den Schatz als Fremder teilen sollte, Und gern gewährt ich's, um den Mord zu hindern, Mit dem sie sich bedrohten, doch umsonst. Denn, als ich fertig war, fand jeder sich Verkürzt, und tobte, und ich warf die Hälften Auf ihr Begehren wieder durcheinander Und teilte abermals. Da wurden sie Noch zorniger und drangen, während ich Gebückt auf meinen Knien lag und still Auf einen Ausgleich sann, in toller Wut Mit rasch gezognen Degen auf mich ein. Ich, um der Rasenden mich zu erwehren, Griff zu dem Balmung neben mir, weil ich Die eigne Klinge nicht mehr ziehen konnte, Und eh ich's dachte, hatten alle beide, Wie Eber, welche blind aufs Eisen laufen, Sich selbst gespießt, obgleich ich liegen blieb Und ihrer schonte, und so ward ich Erbe Des ganzen Hortes.

Hagen. Blutig und doch redlich!

Siegfried. Nun wollt ich in die Höhle gehn! Wie staunt ich, Als ich den Eingang nicht mehr fand. Ein Wall, So schien's, war plötzlich aus dem Schoß der Erde Hervorgestiegen, und ich stach hinein, Um mir den Weg zu bahnen. Doch, da kam Statt Wassers Blut, es zuckte, und ich glaubte, Ein Wurm sei in dem Wall versteckt. Ich irrte, Der ganze Wall war nur ein einz'ger Wurm, Der, tausend Jahre in der Felskluft schlafend, Mit Gras und Moos bewachsen war, und eher Dem zack'gen Rücken einer Hügelkette, Als einem Tiere glich, das Odem hat.

Hagen. Das war der Drache!

Siegfried. Ja, ich schlug ihn tot, Indem ich ihn bestieg, eh er sich bäumte, Und ihm von hinten her, den Nacken reitend, Das blaue Haupt zerschmetterte. Es war Vielleicht das schwerste Stück, das ich vollbrachte, Und ohne Balmung wär's mir nicht geglückt. Dann hieb ich mich durch seinen Riesenleib, Durch all das Fleisch und die gewalt'gen Knochen, Wie durch ein felsigtes Gebirg, allmählich Bis an die Höhle durch. Doch hatte ich Sie kaum betreten, als ich mich umklammert Von starken Armen fühlte, die mein Auge Nicht sah, und die mir dennoch fast die Rippen Zusammendrückten, ganz, als ob die Luft Es selber täte! Es war Alberich, Der wilde Zwerg, und niemals war ich wohl Dem Tod so nah, als in dem grausen Kampf Mit diesem Ungetüm. Doch endlich wurde Er sichtbar, und nun war's um ihn geschehn. Denn, ohne es zu wissen, hatt' ich ihm, Derweil ich mit ihm rang, die Nebelkappe Vom Kopf gerissen, und mit seiner Hülle Verlor er auch die Kraft und stürzte hin. Nun wollt ich ihn zertreten, wie ein Tier, Da löste er, schon unter meinen Fersen Mit seinem Hals, sich rasch durch ein Geheimnis, Das ich nicht ahnte, er entdeckte mir Den Zauber, der im Blut des Drachen steckte, Solange es noch rauchte, und ich ließ Ihn eilig frei und nahm mein rotes Bad.

Gunther. So hast du dir an einem einz'gen Tage Den Balmung und den Hort, die Nebelkappe Und deine Haut von Horn erkämpft?

Siegfried. So ist's! Ja, auch die Vögelsprache! Als ein Tropfe Des Zauberbluts mir auf die Lippen sprang, Verstand ich gleich das Zwitschern über mir, Und hätt' ich nicht zu rasch ihn abgewischt, So würd ich auch, was hüpft und springt, verstehn. Denkt euch: auf einmal flüstert es im Baum, Denn eine alte Linde deckte alles, Dann kichert's, lacht und höhnt, so daß ich Menschen Zu hören glaube, die, im Laub versteckt, Mein Tun verspotten. Wie ich um mich schaue, Erblick ich nichts, als Vögel, Krähen, Dohlen Und Eulen, die sich streiten. Brunhild wird