Schloss Burg, 23. August 2015, Leitfäden, Projektarbeiten und Recherchen von Geschichte

von Burg und Festung, von Zuflucht und Gebor- ... dort solche Bilder für Gott: Fels, Burg, Schloss, ... genau der Unterschied? Aber egal.

Art: Leitfäden, Projektarbeiten und Recherchen

2021/2022

Hochgeladen am 27.06.2022

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Predigt beim Gottesdienst im Grünen
- Schloss Burg, 23. August 2015 -
Liebe Freiluftgemeinde,
wer auf der Reise ist, freut sich, wenn er
abends in eine gemütliche Herberge einkehren
kann. Wer jahrelang durch die Wüste gezogen ist
– wie das Volk Israel – ist dankbar, wenn er end-
lich in befestigten Städten, in Sicherheit und eini-
germaßen geborgen wohnen kann. Wer wollte es
ihm verdenken?
Die Geschichte des Volkes Israel ist eine Ge-
schichte der Wanderung, und das heißt auch: Ei-
ne Geschichte der Unsicherheit, der Gefährdung
und Bedrohung. Mehr als einmal sah es so aus, als
wäre die Geschichte Israels zu Ende, bevor sie
überhaupt richtig begonnen hatte. Ist es ein
Wunder, dass es nicht lange dauerte, bis man auch
in Jerusalem einen Königspalast und eine Tempel
stehen hatte genau so, wie man es auch aus
Ägypten kannte und aus den umliegenden Län-
dern? Endlich angekommen!
Die Geschichte Israels ist damit aber auch
sinnbildlich für die Geschichte der Menschheit
überhaupt. Den größten Teil seiner Geschichte
Millionen von Jahren – war der Mensch auf Wan-
derschaft, auf der Suche nach Beeren, Gräsern,
Früchten und dem einen oder anderen Jäger-
schnitzel. Ist es ein Wunder, dass es sozusagen ein
kollektives Aufatmen gab, als man sesshaft wurde,
Mauern bauen konnte, Häuser, die einen gegen
das Wetter, die wilden Tiere und mögliche Feinde
schützen konnten? Ist es ein Wunder, dass der
Mensch sich bis heute in aller Regel in den eige-
nen vier Wänden am wohlsten, am sichersten
fühlt, dass nicht nur dem Briten sein „home“ sein
„castle“, seine Burg ist? Die Welt draußen ist be-
drohlich genug; wohl dem, der weiß, wohin er
sich in unsicheren Zeiten zurückziehen kann. Das
Bild des sicheren, bergenden Hauses, die Bilder
von Burg und Festung, von Zuflucht und Gebor-
genheit sind stark, sind tief verwurzelt, sie sind
nur allzu verständlich, allzu menschlich.
Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass die
Gebete und Lieder Israels, die Psalmen, durchzo-
gen sind von diesen Bilder der Zuflucht und Ge-
borgenheit: Wir haben es eben im 18. Psalm gebe-
tet: Du, Gott, bist mein Fels, meine Burg, mein
Erretter. Wer die Unbehaustheit kennt, wer lange
genug im Zelt und auf der Wanderschaft gelebt
hat, ist froh und dankbar, wenn es endlich ein
festes Dach über dem Kopf gibt, endlich Sicher-
heit, endlich Schutz und Halt. Kein Wunder, dass
dann auch Gott zu solch einer Feste, einer Burg,
einem Zufluchtsort wird.
Ich habe interessehalber mal nachgeschaut:
Das zieht sich quer durch die Bibel und bis in un-
ser Gesangbuch hinein: Über 30 mal finden sich
dort solche Bilder für Gott: Fels, Burg, Schloss,
Feste – und das war nur ein schneller Durchblick.
Ähnliche Begriffe und Bilder ließen sich problem-
los dazustellen, vielleicht erinnern Sie sich auch
noch an das eine oder andere. Und die Lieder-
dichter haben das aufgenommen und fortgeführt:
Was will doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen
Himmelszelt und güldnen Schlosse werden“, dichtet Paul
Gerhardt im 17. Jahrhundert das haben wir ge-
rade gesungen; auch hier wird die Ewigkeit, das
Leben bei Gott als ein Leben in festen, stabilen
Mauern besungen, die zwar ein wenig merkwür-
dig mit dem Himmelszelt kontrastieren, mehr
aber noch mit der Unbehaustheit des flüchtigen
Menschen während seines Erdendaseins. Kein
Zufall auch das; das Bild lag nahe, denn Paul
Gerhardt hatte sie ja noch deutlich vor Augen
und sah sie durchaus sozusagen in Betrieb: Die
Schlösser und Burgen der Fürsten und Grafen
seiner Zeit, Burgen wie die Wartburg, Schlösser
wie dieses hier (wobei ich gestehen muss: Selbst
als alter Leverkusener bin ich mir immer noch
nicht sicher ob Schloss Burg nun eigentlich ein
Schloss oder eine Burg ist. Und was ist eigentlich
genau der Unterschied? Aber egal...).
Und dann natürlich der Schlager der Reforma-
tionszeit: Ein feste Burg ist unser Gott“, dichtete
Luther 1529, als noch nicht ausgemacht war, ob
es mit der Reformation gelingen würde, oder ob
die katholischen Kräfte des Reichs sie wieder aus-
löschen würden. Das wäre nun eigentlich das ide-
ale Lied für heute morgen gewesen, aber weil das
ja immer so ein bisschen kämpferisch und antika-
tholisch rüberkommt, habe ich dann doch mal
darauf verzichtet; wir wollen ja schließlich nie-
manden vergraulen. Aber für Luther war das eben
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„EIN FESTE BURG IST UNSER GOTT“

Predigt beim Gottesdienst im Grünen

- Schloss Burg, 23. August 2015 -

Liebe Freiluftgemeinde,

wer auf der Reise ist, freut sich, wenn er abends in eine gemütliche Herberge einkehren kann. Wer jahrelang durch die Wüste gezogen ist

  • wie das Volk Israel – ist dankbar, wenn er end- lich in befestigten Städten, in Sicherheit und eini- germaßen geborgen wohnen kann. Wer wollte es ihm verdenken?

Die Geschichte des Volkes Israel ist eine Ge- schichte der Wanderung, und das heißt auch: Ei- ne Geschichte der Unsicherheit, der Gefährdung und Bedrohung. Mehr als einmal sah es so aus, als wäre die Geschichte Israels zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Ist es ein Wunder, dass es nicht lange dauerte, bis man auch in Jerusalem einen Königspalast und eine Tempel stehen hatte – genau so, wie man es auch aus Ägypten kannte und aus den umliegenden Län- dern? Endlich angekommen!

Die Geschichte Israels ist damit aber auch sinnbildlich für die Geschichte der Menschheit überhaupt. Den größten Teil seiner Geschichte – Millionen von Jahren – war der Mensch auf Wan- derschaft, auf der Suche nach Beeren, Gräsern, Früchten und dem einen oder anderen Jäger- schnitzel. Ist es ein Wunder, dass es sozusagen ein kollektives Aufatmen gab, als man sesshaft wurde, Mauern bauen konnte, Häuser, die einen gegen das Wetter, die wilden Tiere und mögliche Feinde schützen konnten? Ist es ein Wunder, dass der Mensch sich bis heute in aller Regel in den eige- nen vier Wänden am wohlsten, am sichersten fühlt, dass nicht nur dem Briten sein „home“ sein „castle“, seine Burg ist? Die Welt draußen ist be- drohlich genug; wohl dem, der weiß, wohin er sich in unsicheren Zeiten zurückziehen kann. Das Bild des sicheren, bergenden Hauses, die Bilder von Burg und Festung, von Zuflucht und Gebor- genheit sind stark, sind tief verwurzelt, sie sind nur allzu verständlich, allzu menschlich.

Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass die Gebete und Lieder Israels, die Psalmen, durchzo- gen sind von diesen Bilder der Zuflucht und Ge- borgenheit: Wir haben es eben im 18. Psalm gebe-

tet: Du, Gott, bist mein Fels, meine Burg, mein Erretter. Wer die Unbehaustheit kennt, wer lange genug im Zelt und auf der Wanderschaft gelebt hat, ist froh und dankbar, wenn es endlich ein festes Dach über dem Kopf gibt, endlich Sicher- heit, endlich Schutz und Halt. Kein Wunder, dass dann auch Gott zu solch einer Feste, einer Burg, einem Zufluchtsort wird.

Ich habe interessehalber mal nachgeschaut: Das zieht sich quer durch die Bibel und bis in un- ser Gesangbuch hinein: Über 30 mal finden sich dort solche Bilder für Gott: Fels, Burg, Schloss, Feste – und das war nur ein schneller Durchblick. Ähnliche Begriffe und Bilder ließen sich problem- los dazustellen, vielleicht erinnern Sie sich auch noch an das eine oder andere. Und die Lieder- dichter haben das aufgenommen und fortgeführt: „ Was will doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen Himmelszelt und güldnen Schlosse werden “, dichtet Paul Gerhardt im 17. Jahrhundert – das haben wir ge- rade gesungen; auch hier wird die Ewigkeit, das Leben bei Gott als ein Leben in festen, stabilen Mauern besungen, die zwar ein wenig merkwür- dig mit dem Himmelszelt kontrastieren, mehr aber noch mit der Unbehaustheit des flüchtigen Menschen während seines Erdendaseins. Kein Zufall auch das; das Bild lag nahe, denn Paul Gerhardt hatte sie ja noch deutlich vor Augen und sah sie durchaus sozusagen in Betrieb: Die Schlösser und Burgen der Fürsten und Grafen seiner Zeit, Burgen wie die Wartburg, Schlösser wie dieses hier (wobei ich gestehen muss: Selbst als alter Leverkusener bin ich mir immer noch nicht sicher ob Schloss Burg nun eigentlich ein Schloss oder eine Burg ist. Und was ist eigentlich genau der Unterschied? Aber egal...).

Und dann natürlich der Schlager der Reforma- tionszeit: „ Ein feste Burg ist unser Gott “, dichtete Luther 1529, als noch nicht ausgemacht war, ob es mit der Reformation gelingen würde, oder ob die katholischen Kräfte des Reichs sie wieder aus- löschen würden. Das wäre nun eigentlich das ide- ale Lied für heute morgen gewesen, aber weil das ja immer so ein bisschen kämpferisch und antika- tholisch rüberkommt, habe ich dann doch mal darauf verzichtet; wir wollen ja schließlich nie- manden vergraulen. Aber für Luther war das eben

Trost und Zuversicht in unruhigen, gefährlichen Zeiten: „ Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wahr und Waffen “. Ganz schön martialisch, ja. Aber das war eben die Lebenswelt der mittelalterlichen Menschen, wenn auch nur die wenigsten selbst in einer Burg wohnten. Die meisten hatten höchs- tens regelmäßig an der Burgpforte zu erscheinen und die Früchte ihrer Arbeit dort abzuliefern. An- sonsten konnten sie von solch befestigten Häu- sern für sich selbst zumeist nur träumen. Aber egal, ob man selbst darin wohnt oder dort einen mächtigen König wohnen weiß, der für einen sorgt und das Land beschützt – Burgen und Schlösser strahlen Sicherheit und Geborgenheit aus, meistens jedenfalls; das ist das, was wir bis heute mit ihnen verbinden.

Es ist dann nicht verwunderlich, dass die Bil- der sich gegenseitig durchdringen: Die Burg, die Feste als Bild für Gott kann dann dazu führen, dass man Gott an das steinerne Gebäude bindet. Schon Salomo baute den prächtigen Tempel in Jerusalem wie einen Anhang zu seinem Königspa- last und musste sich selbst immer wieder daran erinnern, dass Gott nicht mit dem Gebäude ver- wechselt werden darf. Die Kirchen, Kathedralen und Dome des Mittelalters waren zugleich stei- nernes Bekenntnis zur Herrlichkeit Gottes und drohten doch auch immer, ihn festzusetzen, ihn nun an diese geistlichen Bollwerke zu binden. Und die Hauskapelle so manch strammer Ritters- burg wirkt ein wenig wie das Verlies für das Schlossgespenst, das man dort einsperrt, damit es einen im Alltag nicht belästigt. Das Bild von Burg und Festung für Gott bleibt zweischneidig – es sitzt tief und es ist verständlich, aber es droht immer auch, das Ding, das Mauerwerk mit Gott selbst zu verwechseln.

Wir leben in demokratischeren Zeiten. Burgen sind für uns Ausflugsziele geworden, an denen man vor allem die Aussicht genießt. Kinder lassen sich bei Eis am Stiel von Rüstungen und Kerkern ein wenig gruseln, während die Eltern vor dem gräflichen Wappen für einen Moment davon träumen, wie es wäre, selbst eins zu haben. Aber alles in allem ist man doch recht froh, nicht mehr mit dem Pferd zur Arbeit reiten zu müssen, son- dern den vollgetankten Wagen in der Garage zu wissen – von den fehlenden Badezimmern ganz zu schweigen. Heute gilt: Wer seinen Gartenzaun ein wenig zu ambitioniert hochzieht, muss sich von spöttischen Nachbarn fragen lassen, auf wel- che Belagerung er sich denn vorbereite, und zu-

mal in den letzten Monaten ist das Wort von der ‚Festung Europa’ geradezu zu einem Schimpf- wort, zu einem Vorwurf geworden. Wer sich ab- schottet, wer Sicherheit sucht oder jedenfalls die- sen Eindruck erweckt, wer heute noch Grenzen und Mauern hochhält, findet sich ganz schnell in einer hässlichen Ecke wieder. Burgen bauen – das geht heute allenfalls noch am Strand, und selbst dafür werden wir Deutschen von anderen gerne belächelt, wenn König Kurt aus Wanne-Eickel seinen Strandkorb mit einem halbmeterhohen Mäuerchen umgibt.

Statt „ Ein feste Burg ist unser Gott “ singen wir heute lieber: „ Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite “. Komisch nur, dass es am Ende dann doch wieder heißt: „ und wie ein Zu- haus “. Ganz auszutreiben ist uns diese Sehnsucht wohl doch nicht, dass es irgendwo einen sicheren Ort geben möge, ein Zuhause, eine Zufluchtsstät- te, in der wir Geborgenheit erfahren und Sicher- heit, denn dass unsere Zeiten insgesamt sicherer und ruhiger geworden wären, das kann man doch wohl nur auf den ersten Blick sagen. Tief in uns rumort, glaube ich, immer noch die Unruhe des Wandernden, und die Heimatlosigkeit ist weiter- hin eine der Urängste des Menschen. Würde uns sonst das Schicksal der abertausenden von Flüchtlinge so anrühren? Wären wir sonst so hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Hilfsbereit- schaft einerseits und der Sorge andererseits, dass uns das alles zu viel wird, dass das irgendwann nicht mehr zu bewältigen ist und dass das alles sicher nicht ohne Einschnitte und Verluste zu bewältigen ist? Und tun wir bitte nicht so, als gä- be es dafür einfache Lösungen und genau eine richtige Antwort!

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, dazwischen: Gott ist keine Burg, keine Festung, nein. Aber manchmal brauchen wir Orte des Rückzugs und der Sicherheit, und Gott schenkt uns solche Orte. Wer unruhig und umhergetrie- ben ist, braucht einen Platz, an dem er oder sie aufatmen und sicher wohnen kann, auch im geist- lichen Sinne. Kirchen, Gemeinde, Strukturen und Organisationen sind Teil des Glaubens, es geht nicht ohne. Aber sie sind nicht alles: Gott will uns auch immer wieder in die Weite führen, und den Ruf zum Aufbruch nicht zu überhören, gehört ebenso zum Glauben dazu. Jesus selbst, der hei- matlose Wanderer auf den Straßen Galiläas und Jerusalem, ruft in die Nachfolge, und das heißt: In den Aufbruch, in die Bewegung, in den Neuan-