Warum fliegt ein Flugzeug?, Skripte von Physik

Dies ist gleichbedeutend mit einem gros- sen Verhältnis von Auftrieb A (=G) zu Widerstand W. (=S für Reiseflug) oder anders formuliert, von Trans- portkapazität ...

Art: Skripte

2021/2022

Hochgeladen am 28.06.2022

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FORSCHUNG
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PHYSIK IM ALLTAG
Warum fliegt ein Flugzeug?
Die übliche Antwort auf diese Frage
«weil es Flügel hat» ist sicher korrekt,
aber sehr oberflächlich und unvoll-
ständig. Welche Rolle spielt die Luft,
wie bewegt sie sich um die Flügel
herum und welches Profil müssen
diese haben? Was ist die Rolle des
Höhenleitwerks? Wie muss der An-
strömwinkel gewählt werden?
Der Erstflug der Gebrüder Wright
Der erste Hüpfer am 17. Dezember 1903 in North Ca-
rolina (USA) dau erte 12 Sekunden über eine Flug-
strecke von 36 Metern. Wilbur Wright konnte dem
Doppeldecker im Laufschritt folgen und seinem auf
dem unteren Flügel liegenden Bruder Orville bei Be-
darf helfen, das Flugzeug waagrecht zu halten. Den
Antrieb besorgte ein Vierzylinder-Ottomotor, den
die Beiden im Eigenbau herstellten. Über Ketten
wurde das Drehmoment auf zwei gegenläufige Zwei-
blatt-Propeller übertragen, die hinter den Tragflä-
chen angebracht waren. Als Höhenleitwerk dienten
zwei verstellbare Platten an der Vorderseite des Flug-
zeuges.
Der Flugapparat war aus einer Weiterentwick-
lung von Modelldrachen hervorgegangen und das
einleuchtende Prinzip für die Erzeugung eines Auf-
triebes war eine schräg gegen den Luftzug angestell-
te Platte. Allerdings haben die Gebrüder Wright die
Vorteile von nach oben gewölbten Flügelprofilen er-
kannt und angewendet. Statt einer Schnur wie beim
Drachen sorgte der Propellerantrieb für den entspre-
chenden Schub. Erfahrungen mit Drachen zeigen,
dass zur Erreichung genügender vertikaler Auftriebs-
kräfte A relativ grosse horizontale Widerstandskräf-
te W auftreten. Auf ein Flugzeug übertragen ergeben
sich folgende Bedingungen für einen nicht beschleu-
nigten, geradlinigen und horizontalen Reiseflug: Der
Schub S des Antriebsmotors muss gleich dem Luft-
widerstand W und der Auftrieb A muss gleich dem
Gewicht G sein.
Ineffizienter Papierflieger
Als einfachsten Fall betrachten wir vorerst ei-
nen Papierflieger, der nur Sinkflüge ausführen kann.
Seine Geschwindigkeitskomponenten seien in hori-
zontaler Richtung v und in vertikaler Richtung w. Bei
einem gleichmässigen Sinkflug sind beide Grössen
konstant und die vom Luftwiderstand verbrauchte
Leistung W × v wird durch die vom Gravitationsfeld
gewonnene Leistung G × w kompensiert. Es gilt also
der Zusammenhang G/W = v/w. Das Geschwindig-
keitsverhältnis v/w wird Gleitzahl genannt und gibt
an, wie weit das Flugzeug pro Meter Höhenverlust
fliegen kann.
Beim Papierflieger ist die Gleitzahl nahe bei
1, beim Space Shuttle im Endanflug bei etwa 4,5. Se-
gelflugzeuge haben Gleitzahlen über 25 und errei-
chen sogar 70. Basierend auf dem Flugweg, den
Kapitän Sullenberger nach dem Ausfall beider Trieb-
werke seines Airbus A-320 gewählt hat, habe ich die
mittlere Gleitzahl auf etwa 18 geschätzt. Er wasserte
am 15. Januar 2009 meisterhaft im Hudson River
mitten in New York, alle 155 Leute überlebten!
Abb. 1: Das CA-CW-Polardiagramm zeigt den
Zusammenhang zwischen Auftrieb und Luftwider-
stand für ein typisches Flügelprofil in dimensions-
loser Form. Um die realen Werte zu erhalten, muss
mit ½ ρ v2 F multipliziert werden (ρ = Luftdichte, v =
Anströmgeschwindigkeit, F = Flügelfläche). Als
Parameter ist der Anströmwinkel α so eingetragen,
dass 0 ° dem minimalen Luftwiderstand entspricht.
Die gestrichelt eingezeichnete Tangente an die
Polare ist in diesem Punkt vertikal. Weitere
Erläuterungen im Text.
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8 FO R S C H U N G

— P H YS I K I M A L LTAG

Warum fliegt ein Flugzeug?

Die übliche Antwort auf diese Frage «weil es Flügel hat» ist sicher korrekt, aber sehr oberflächlich und unvoll- ständig. Welche Rolle spielt die Luft, wie bewegt sie sich um die Flügel herum und welches Profil müssen diese haben? Was ist die Rolle des Höhenleitwerks? Wie muss der An- strömwinkel gewählt werden?

Der Erstflug der Gebrüder Wright Der erste Hüpfer am 17. Dezember 1903 in North Ca- rolina (USA) dauerte 12 Sekunden über eine Flug- strecke von 36 Metern. Wilbur Wright konnte dem Doppeldecker im Laufschritt folgen und seinem auf dem unteren Flügel liegenden Bruder Orville bei Be- darf helfen, das Flugzeug waagrecht zu halten. Den Antrieb besorgte ein Vierzylinder-Ottomotor, den die Beiden im Eigenbau herstellten. Über Ketten wurde das Drehmoment auf zwei gegenläufige Zwei- blatt-Propeller übertragen, die hinter den Tragflä- chen angebracht waren. Als Höhenleitwerk dienten zwei verstellbare Platten an der Vorderseite des Flug- zeuges. Der Flugapparat war aus einer Weiterentwick- lung von Modelldrachen hervorgegangen und das einleuchtende Prinzip für die Erzeugung eines Auf- triebes war eine schräg gegen den Luftzug angestell- te Platte. Allerdings haben die Gebrüder Wright die Vorteile von nach oben gewölbten Flügelprofilen er- kannt und angewendet. Statt einer Schnur wie beim Drachen sorgte der Propellerantrieb für den entspre-

chenden Schub. Erfahrungen mit Drachen zeigen, dass zur Erreichung genügender vertikaler Auftriebs- kräfte A relativ grosse horizontale Widerstandskräf- te W auftreten. Auf ein Flugzeug übertragen ergeben sich folgende Bedingungen für einen nicht beschleu- nigten, geradlinigen und horizontalen Reiseflug: Der Schub S des Antriebsmotors muss gleich dem Luft- widerstand W und der Auftrieb A muss gleich dem Gewicht G sein.

Ineffizienter Papierflieger Als einfachsten Fall betrachten wir vorerst ei- nen Papierflieger, der nur Sinkflüge ausführen kann. Seine Geschwindigkeitskomponenten seien in hori- zontaler Richtung v und in vertikaler Richtung w. Bei einem gleichmässigen Sinkflug sind beide Grössen konstant und die vom Luftwiderstand verbrauchte Leistung W × v wird durch die vom Gravitationsfeld gewonnene Leistung G × w kompensiert. Es gilt also der Zusammenhang G/W = v/w. Das Geschwindig- keitsverhältnis v/w wird Gleitzahl genannt und gibt an, wie weit das Flugzeug pro Meter Höhenverlust fliegen kann. Beim Papierflieger ist die Gleitzahl nahe bei 1 , beim Space Shuttle im Endanflug bei etwa 4 , 5. Se- gelflugzeuge haben Gleitzahlen über 25 und errei- chen sogar 70. Basierend auf dem Flugweg, den Kapitän Sullenberger nach dem Ausfall beider Trieb- werke seines Airbus A-320 gewählt hat, habe ich die mittlere Gleitzahl auf etwa 18 geschätzt. Er wasserte am 15. Januar 2009 meisterhaft im Hudson River mitten in New York, alle 155 Leute überlebten!

Abb. 1: Das C (^) A-C (^) W-Polardiagramm zeigt den Zusammenhang zwischen Auftrieb und Luftwider- stand für ein typisches Flügelprofil in dimensions- loser Form. Um die realen Werte zu erhalten, muss mit ½ ρ v 2 F multipliziert werden (ρ = Luftdichte, v = Anströmgeschwindigkeit, F = Flügelfläche). Als Parameter ist der Anströmwinkel α so eingetragen, dass 0 ° dem minimalen Luftwiderstand entspricht. Die gestrichelt eingezeichnete Tangente an die Polare ist in diesem Punkt vertikal. Weitere Erläuterungen im Text.

9 Vierteljahrsschrift — 3^ |^ 2019 — Jahrgang 164 — NGZH

Effiziente Flügelprofile Die obigen Überlegungen zeigen, dass in erster Linie versucht werden muss, den Luftwiderstand W so klein wie möglich zu machen, damit die Gleitzahl gross wird. Dies ist gleichbedeutend mit einem gros- sen Verhältnis von Auftrieb A (=G) zu Widerstand W (=S für Reiseflug) oder anders formuliert, von Trans- portkapazität zu Treibstoffverbrauch. Die Flugzeugbauer beziehen die Grössen A und W auf den Staudruck und die Flügelfläche und nen- nen die so entstehenden dimensionslosen Zahlen CA und CW. Das in Abb. 1 dargestellte CA-CW-Polardia- gramm zeigt den typischen Verlauf der beiden Kenn- zahlen. Der Anströmwinkel α kann bei Flugzeugen durch das am Heck platzierte Höhenleitwerk einge- stellt werden. So können alle Punkte des Polardia- gramms durch den Piloten angsteuert werden. Wichtige Punkte in diesem Diagramm sind der minimale Luftwiderstand, bei welchem der An- strömwinkel α als Null definiert wird (vertikale Tan- gente an die Kurve). Bei einem leicht negativen α ist CA=0 (kein Auftrieb). Der günstigste Anströmwinkel ist gegeben durch diejenige Tangente an die Kurve, die durch den Nullpunkt geht. Das Verhältnis von Auftrieb zu Widerstand (C (^) A/C (^) W) ist dort am gröss- ten, beim gezeigten Beispiel also bei α = 4 °. C (^) A/C (^) W ist an diesem Punkt gleich der besten Gleitzahl. Die energieoptimale Reisegeschwindigkeit liegt bei einem Punkt, der zwischen dem minimalen Luftwiderstand und dem günstigsten Anströmwinkel liegt. Der maximale Auftrieb wird bei einem wesent- lich grösseren Anströmwinkel erreicht (horizontale Tangente an die Kurve), bei dem auch der Widerstand deutlich grösser ist. Dieser Punkt bestimmt die mi- nimale Geschwindigkeit beim Horizontalflug.

Der nachfolgende nach rechts abfallende Ast ist nahe der Minimalgeschwindigkeit gefährlich, da der Auftrieb abfällt und gleichzeitig der Luftwider- stand anwächst bis schliesslich bei einem kritischen Wert des Anströmwinkels die Strömung «abreisst». Bei diesem abrupten Vorgang wird die über dem Flü- gel normalerweise laminare Strömung turbulent: Der Auftrieb kollabiert und das Flugzeug ist nicht mehr steuerbar. Dies kann geschehen, wenn ein Pilot zu langsam fliegt, den zu kleinen Auftrieb mit einer Ver- grösserung des Anströmwinkels zu kompensieren versucht und dabei unbemerkt den Punkt mit maxi- malem Auftrieb überschreitet. Das C (^) A-CW-Polardia- gramm wird jeweils gemäss dem Anforderungspro- fil des Flugzeugs optimiert.

Die Aufgabe des Höhenleitwerks Das klassische nach oben gewölbte Flügelprofil hat eine unangenehme destabilisierende Eigenschaft: Der Ansatzpunkt der Resultierenden aller Druck- kräfte (Druckpunkt, vgl. Abb. 2) verschiebt sich mit zunehmendem Anströmwinkel weiter nach vorne. Da dieser Ansatzpunkt vor dem Schwerpunkt des Flügels liegt, entsteht ein Drehmoment, das die Flug- zeugnase nach oben drückt. Dadurch vergrössert sich der Anströmwinkel weiter und verschiebt den An- satzpunkt noch weiter nach vorne, was wiederum das Drehmoment verstärkt. Um diese Rückkopplung, die letztlich zu einem Strömungsabriss führt, zu ver- meiden, stabilisiert das Höhenleitwerk im Heck des Flugzeuges den Anströmwinkel automatisch. Es ist so angebracht, dass es im Reiseflug weder Auf- noch Abtrieb erzeugt. Vergrössert sich der Anströmwinkel, senkt sich das Heck ab und der Anströmwinkel wird auch

Abb. 2: Stromlinienfeld um einen senkrecht zur Zeichenebene stehenden Flügel. W ist der Strömungswiderstand und α ist der Anströmwinkel, der mit 30° stark übertrieben gezeichnet wurde, um die Grafik deutlicher zu gestalten. Im Reiseflug wäre α rund zehnmal kleiner.