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fall als „schizoide Persönlichkeitsstörung“ bezeichnet wird? ... Was aber versteht man unter einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, ein.

Art: Grafiken und Mindmaps

2021/2022

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PSYCHIATRIE HEUTE
Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln
Prof. Dr. med. Volker Faust
Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit
SCHIZOIDE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG
Kühl – abweisend –„gemütsarm“ – gleichgültig gegenüber Lob oder
Kritik – einzelgängerisch – zurückgezogen – „unkonventionell“
Es gibt Menschen, die stoßen andere dauernd vor den Kopf, obgleich (oder
gerade weil) sie von den anderen nichts wollen. Muss man sich näher mit
ihnen befassen, wird die Wesensart schon komplizierter: Nicht nur reserviert,
zurückgezogen und scheu, manchmal sogar launenhaft bis überspannt, fast
verschroben wirkend, sondern auch kühl, abweisend, ohne die geringste
Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle, ja sogar Zorn oder Ärger anderen
gegenüber zu zeigen, bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber Lob oder Tadel.
Offenbar gibt es für sie nur wenige Tätigkeiten, die Freude oder Vergnügen
bereiten. Und deshalb haben sie auch keine (engen) Freunde oder Vertraute -
ob gewünscht oder (meistens) eben auch nicht.
Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für den Alltag, wobei zwar die zwischen-
menschliche Atmosphäre, aber nicht unbedingt die Leistung am Arbeitsplatz
leiden muss (manchmal sogar im Gegenteil!).
Was sind das für Menschen, deren „unkonventionelle Wesensart“ im Extrem-
fall als „schizoide Persönlichkeitsstörung“ bezeichnet wird? Leiden sie tatsäch-
lich nicht unter ihrer Zurückgezogenheit, ihrem Einzelgängertum, unter dem
Urteil der anderen? Und wenn ja, kann man etwas tun? Liegt hierin vielleicht
sogar ein Grund für das wachsende Single-Dasein in unserer Zeit und Gesell-
schaft?
Erwähnte Fachbegriffe:
Schizoide Persönlichkeitsstörungen – schizoide Neurosenstruktur – Persön-
lichkeitsstörungen – abnorme Persönlichkeitsstörungen – Charakterneurose –
dissoziale Persönlichkeitsstörung – Soziopathie – psychopathische Persön-
Int.1-schizoide Persönlichkeit.doc
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PSYCHIATRIE HEUTE

Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln

Prof. Dr. med. Volker Faust

Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit

SCHIZOIDE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG

Kühl – abweisend –„gemütsarm“ – gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik – einzelgängerisch – zurückgezogen – „unkonventionell“

Es gibt Menschen, die stoßen andere dauernd vor den Kopf, obgleich (oder gerade weil) sie von den anderen nichts wollen. Muss man sich näher mit ihnen befassen, wird die Wesensart schon komplizierter: Nicht nur reserviert, zurückgezogen und scheu, manchmal sogar launenhaft bis überspannt, fast verschroben wirkend, sondern auch kühl, abweisend, ohne die geringste Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle, ja sogar Zorn oder Ärger anderen gegenüber zu zeigen, bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber Lob oder Tadel. Offenbar gibt es für sie nur wenige Tätigkeiten, die Freude oder Vergnügen bereiten. Und deshalb haben sie auch keine (engen) Freunde oder Vertraute - ob gewünscht oder (meistens) eben auch nicht.

Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für den Alltag, wobei zwar die zwischen- menschliche Atmosphäre, aber nicht unbedingt die Leistung am Arbeitsplatz leiden muss (manchmal sogar im Gegenteil!).

Was sind das für Menschen, deren „unkonventionelle Wesensart“ im Extrem- fall als „schizoide Persönlichkeitsstörung“ bezeichnet wird? Leiden sie tatsäch- lich nicht unter ihrer Zurückgezogenheit, ihrem Einzelgängertum, unter dem Urteil der anderen? Und wenn ja, kann man etwas tun? Liegt hierin vielleicht sogar ein Grund für das wachsende Single-Dasein in unserer Zeit und Gesell- schaft?

Erwähnte Fachbegriffe:

Schizoide Persönlichkeitsstörungen – schizoide Neurosenstruktur – Persön- lichkeitsstörungen – abnorme Persönlichkeitsstörungen – Charakterneurose – dissoziale Persönlichkeitsstörung – Soziopathie – psychopathische Persön-

lichkeitsstörung – Psychopathie – Schizophrenie – schizothyme Persönlichkeit

  • Konstitutionstypologie – Adoptionsstudien – genetische (Erb-) Einflüsse – Erziehungsfaktoren – Borderline-Persönlichkeitsstörung – Borderline-Schizo- phrenie – Bindungsschwäche – unzureichende Realitätswahrnehmung – Introversion – selbstunsichere Persönlichkeitsstörung – paranoide Persönlich- keitsstörung – Autismus – Asperger-Syndrom – Extrembelastung – Alkohol- krankheit – Medikamentenabhängigkeit – Rauschgiftsucht – Depressionen – Angststörungen – Depersonalisationsstörungen – Einzelgängertum – Single- Ideologie – Psychotherapie – Verhaltenstherapie – u.a.

„Unfähig, mit Menschen zu leben, zu reden. Vollständiges Versinken in mich. Stumpf, gedankenlos, ängstlich. Ich habe nichts mitzuteilen, niemals, nieman- dem“.

Dieser deprimierend-selbstkritische Seufzer fasst mehr zusammen als die trockene Symptom-Schilderung der Psychiater und Psychologen je zu vermit- teln vermag. Sie entspricht in etwa dem, was man heute als schizoide Persön- lichkeitsstörung bezeichnet. Und sie stammt von einem Schriftsteller, der ge- rade in dieser Hinsicht oft zitiert wird, nämlich Franz Kafka (wichtige Werke: Der Prozess, Das Schloss, Die Verwandlung u.a.) - wohl nicht zuletzt aus eigener seelischer Not heraus.

Was aber versteht man unter einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, ein Begriff, der schon zu Beginn und dann vor allem in der Mitte des

  1. Jahrhunderts lebhaft diskutiert und verwendet wurde, wobei man heute nur noch einen Teil dieser Definitionen akzeptiert. Und zuvor: Was versteht man eigentlich unter einer Persönlichkeitsstörung?

Persönlichkeitsstörungen – was ist das?

Unter Persönlichkeitsstörungen versteht man ein tief eingewurzeltes Fehlver- halten mit entsprechenden zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Konflikten. Tritt in der Regel erstmals in der Jugend auf und verblasst im mitt- leren und höheren Lebensalter oft wieder (s.u.)

Eine praktisch verwertbare Definition lautet:

Von Persönlichkeitsstörungen spricht man dann, wenn eine Persönlichkeits- struktur durch starke Ausprägung bestimmter Merkmale so akzentuiert ist, dass sich hieraus ernsthafte Leidenszustände und/oder Konflikte ergeben (nach R. Tölle).

Begriff: Neben dem heute am häufigsten gebrauchten Begriff Persönlichkeits- störung wurden bedeutungsgleich oder zumindest bedeutungsähnlich ge- braucht: abnorme Persönlichkeit, Charakterneurose, dissoziale Persönlichkeit, Soziopathie sowie psychopathische Persönlichkeit bzw. Psychopathie.

Diese Überlegungen - nebenbei ein Grundproblem der „Seelenheilkunde“ und ihrer verwandten Wissenschaft, der Psychologie oder „Seelenkunde“ (ohne das – heil dazwischen) - spricht aber sogar für diese Fächer. Denn das heißt soviel: Man bleibt nicht stehen, nur weil die ältere Generation von Wissen- schaftlern ein so schönes und inzwischen geläufiges und damit bequemes Krankheitskonzept entwickelt hatte, sondern man hinterfragt die Hypothesen zu Beschwerdebild, Ursachen, Verlauf und dann Diagnose und Therapie. Und wenn sich die alten Konzepte bewähren, werden sie beibehalten, ansonsten durch treffendere und voll allem praxisbezogenere ersetzt. Und das ist gut so, nicht zuletzt im Interesse der Patienten.

So auch hier. Doch gibt es gerade bei den Persönlichkeitsstörungen und insbesondere bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung sehr gängige, auch der Allgemeinheit geläufige Symptom- und Charakter-Schilderungen. Deshalb kommen wir in diesem Rahmen um einen kurzen historischen Überblick nicht herum. Im Einzelnen:

Zur Geschichte der schizoiden Persönlichkeitsstörung

Am Anfang stand die Schizophrenie, eine jener („klassischen“) seelischen Störungen, die schon im Alten Testament beschrieben wurden (z. B. König Nebukadnezar mit der Flammenschrift an der Wand, d. h. einer optischen Sinnestäuschung). Dabei fragte man sich schon früher: Wird die Schizophre- nie vererbt? Und wenn ja, was sind die Folgen, welche Symptome entwickeln die Kinder und Enkel, die gleichen wie ihre kranken Verwandten oder nur ein- zelne, vielleicht gar nicht so auffällige? Tatsächlich erkannte man schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass nicht wenige Angehörige schizophrener Patienten selber zwar nicht ausgeprägt psychotisch erkrankten (z. B. Wahn, Ich-Störungen und Sinnestäuschungen), sehr wohl aber eine Reihe von Ver- haltensauffälligkeiten zeigten, die in den Familien nicht-psychotischer Patien- ten gar nicht oder nur selten zu beobachten sind. Dazu gehört vor allem die Neigung zu Rückzug und zwischenmenschlicher Isolation und ein eigenwilli- ges Verhalten, das die Fachleute als exzentrischen Kommunikationsstil be- zeichneten (Einzelheiten siehe später).

So etwas findet man auch bei schizophren Erkrankten, wenn die ausgeprägten Symptome wie Wahn oder Halluzinationen zurückgegangen oder ganz ver- schwunden sind. Dann bleiben „nur“ einige „grenzwertige“ Charaktereigen- schaften, die zwar nicht selten, trotzdem aber nicht als völlig „normal“ gelten, also nicht dem herkömmlichen Durchschnitt entsprechen.

Und so legten sich die Psychiater schon sehr früh eine Art „Spektrum“ dieser Leiden zurecht, gleichsam ein Kontinuum von gesunden (von der Wesensart her aber „schizothymen“) Persönlichkeiten über persönlichkeitsgestörte („schizoide“) Menschen bis zu offensichtlich schizophren erkrankten Patienten.

Unter „schizothym“ verstand man eine zwar nicht krankhafte Wesensart, aber doch die auffallende Neigung, sich gegenüber der Außenwelt abzugrenzen, mit nur wenigen Freunden guten Kontakt zu haben, eigene Ideen und schöpfe- rische Gedanken in zu ausschließlicher Weise nachzuhängen sowie an eige- nen Prinzipien etwas zu starr festzuhalten.

Schizoide Persönlichkeiten , die man dann zu den „Grenzfällen“ rechnete, hat- ten schon in den früheren Klassifikationen deutlich mehr Besonderheiten auf- zuweisen: kühl-distanziert, ja ungesellig bis ablehnend, ohne Wärme, wenig herzlich, zurückgezogen, fast autistisch (übertrieben mit sich selbst beschäf- tigt), aber auch empfindsam, leicht verletzbar, launisch, sprunghaft, vor allem unfähig, Feindseligkeiten zu äußern und damit zu neutralisieren, was aber un- erwartete Gefühlsausbrüche nicht ausschloss, nicht selten sogar bahnte (Fachliteratur: Konstitutionstypologie nach Kretschmer).

Diese Charakterisierung bzw. dieser Wesens-Typ war nicht selten, wurde durch diese wissenschaftlichen Konzepte gut dargestellt und fand deshalb rasch Eingang in Psychiatrie und Medizinische Psychologie und sogar in das Allgemeinverständnis. Sie wies aber auch viele Unstimmigkeiten auf, die nicht nur damit zu begründen waren, dass es eben eine große Variationsbreite sol- cher Wesensmerkmale gebe, wie überall, wenn man Menschen beurteilen und einzuteilen versucht. Den kritischen Wissenschaftlern ging es vor allem darum, das ja an sich schlüssige Konzept der Konstitutionstypologie entweder zu bestätigen oder zu ergänzen, je nach den Ergebnissen moderner Unter- suchungen (meist Analysen von Krankenakten, Befragungs- und Retrospek- tivstudien, bei denen man rückwirkend zu entsprechenden Schlussfolgerungen zu kommen sucht). Und da galt es doch recht widersprüchliche Befunde zu akzeptieren – oder das Konzept neu zu überdenken.

Am interessantesten und auch die meiste Klarheit bringend sind dabei so ge- nannte Adoptionsstudien. Dort werden adoptierte Kinder untersucht, die z. B. von einem oder beiden schizophren erkrankten Elternteilen abstammen, nach der Adoption aber in seelisch gesunden Familien aufwachsen. Auf diese Weise kann man recht genau unterscheiden zwischen genetischen (Erb-)Ein- flüssen und der Bedeutung von Erziehungsfaktoren, die bei schizophren er- krankten Eltern natürlich eine zusätzliche Belastung wären, bei gesunden Familien aber diese Probleme nicht aufweisen dürften.

Und hier zeigte sich, dass nicht wenige Kinder schizophrener Eltern, auch wenn sie in gesunden Familien aufwachsen dürfen, bereits im Kindes- und Jugendalter auffällig werden, sich vor allem von ihrer gesunden, d.h. erblich nicht belasteten Umgebung deutlich unterscheiden.

Und wieder sprach man von einem Kontinuum, einem Schizophrenie-Spekt- rum: Auf der einen Seite die voll ausgeprägte und oft chronische Schizophre- nie, in der Mitte die damals so genannte Borderline-Schizophrenie (siehe

Die Patienten wollen also letztlich aus ihrer Isolierung heraus, geraten dadurch aber ständig in Ambivalenz (gefühlsmäßig hin- und hergerissen, ständiger Wechsel voneinander widerstrebenden Gefühlen): Einerseits vorsichtig bis misstrauisch, andererseits empfindlich gegenüber Zurückweisungen und her- absetzender Behandlung.

Außerdem können die Betroffenen ihre Kontaktwünsche nicht richtig dosieren: teils distanz- und kritiklose Annährungsversuche, teils abrupter Rückzug mit entsprechender Frustration der anderen.

Ein besonderer Schwachpunkt ist eine unzureichende Realitätswahrnehmung oder kurz: „unrealistisch“. Vor allem sind sich solche Patienten der Gefühle anderer nicht sicher. Das erklärt auch so manche unkalkulierbaren Reaktio- nen, je nach Situation.

Als positiver Aspekt sehen die psychoanalytisch tätigen Psychiater und Psychologen eine häufig, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick regist- rierbare große intuitive Begabung, die weniger auf konkretem Erkennen oder Erfassen bestimmter Sachverhalte beruht, mehr auf einer Art ahnenden Erfas- sens, oder allgemein ausgedrückt: „gleichsam aus dem Bauch heraus“. Das könnte durchaus Vorteile bringen, die jedoch im Alltag leider nur wenig genutzt werden (können).

  • Die schizoide Persönlichkeitsstörung , wie sie die Psychiater charakteri- siert wissen wollen, enthält im wesentlichen das gleiche Krankheitsbild: reser- viert, scheu, zurückgezogen oder in der Fachsprache etwas ausführlicher: ab- weisende Scheu, stilles Verhalten und psychosoziale Zurückgezogenheit.

Dazu Überempfindlichkeit gegenüber Kritik sowie Denk- und Kommunikations- störungen (wenngleich der zwischenmenschliche Kontakt oft weniger belastet ist als beispielsweise bei der schizophrenen Psychose). Deshalb auch hier selten oder nur wenige Freunde, und wenn, dann eher distanziert, ambivalent (gefühlsmäßig hin- und hergerissen) bis misstrauisch. Als große, zwischen- menschliche und berufliche Belastung gilt auch das launenhaft wirkende bis exzentrische (überspanntes, fast verschrobenes) Verhalten.

Oder kurz: Es fehlen die natürlichen Alltagskontakte. Die sozialen Bindungen sind oft gestört, auch im Berufsleben. Nach außen fehlt es an Wärme oder einfach nur an „Gefühl für andere“, von Zuwendung ganz zu schweigen - zumindest scheinbar. Das führt naturgemäß zu vielen sozialen, insbesondere zwischenmenschlichen und nicht zuletzt sexuellen Konflikten. Und ganz be- sonders schwer erklärlich bzw. verstehbar und vor allem ertragbar ist die nicht seltene Kombination aus „kühl-schroff“ und „überempfindlich-verletzlich“.

Und so lauten auch die so genannten diagnostischen Kriterien der tonange- benden APA und WHO zur Charakterisierung der schizoiden Persönlichkeits- störung (modifizierte Zusammenfassung):

Distanziertheit in den sozialen Beziehungen und eingeschränkte Bandbreite des Gefühlsausdrucks im zwischenmenschlichen Bereich.

Im Einzelnen:

  • emotionale Kühle, Distanziertheit oder flache Affektivität (eingeschränkte gemütsmäßige Ansprechbarkeit)
  • geringe Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle oder auch Ärger anderen gegenüber zu zeigen
  • anscheinend Gleichgültigkeit gegenüber Lob oder Kritik
  • wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit anderen
  • übermäßige Vorliebe für einzelgängerische Beschäftigungen und Unter- nehmungen
  • wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude oder Ver- gnügen
  • keine engen Freunde oder Vertraute (oder höchstens wenige oder eine ein- zige Person) und dabei auch kein ausdrücklicher Wunsch nach solchen Beziehungen (außer vielleicht nahen Angehörigen, wobei sich aber auch der Wunsch, Teil einer Familie zu sein, in engen Grenzen hält)
  • mangelnde Sensibilität im Erkennen und Befolgen gesellschaftlicher Regeln (beginnend mit Begrüßungen und endend mit vielleicht komplexe- ren, aber im Durchschnitt durchaus vertrauten sozialen Konventionen, also gesellschaftlichen Übereinkünften).

Zusammenfassend handelt es sich also um Personen, die in ihren zwischen- menschlichen Beziehungen erheblich eingeschränkt sind. Dies vor allem durch ihre introvertierte (nach innen gekehrte), dazu aber distanziert-schroffe und ungesellige Wesensart. Dadurch können die sozialen und beruflichen Leistungen leiden, vor allem, wenn ein besonderes Engagement über die sonst üblichen gesellschaftlichen Beziehungen hinaus gefordert ist (Kunden-, Schüler- oder Patientenkontakt). Noch schwieriger wird es, wenn solche Menschen die Grundregeln gesellschaftlichen Zusammenhangs nicht befolgen oder gar erkennen können.

Andererseits können auch schizoide Persönlichkeiten durchaus beachtliche berufliche Leistungen entwickeln, wenn sie ihre Tätigkeiten allein (vielleicht sogar bewusst isoliert) ausführen dürfen (also gesonderte Verwaltungs-, Labor-, Kontroll- oder Verarbeitungsplätze). Das pflegen die Betroffenen zwar mitunter zu beklagen (sich isoliert oder gar ausgegrenzt zu fühlen), doch wenn

Kurz: Schizotype Persönlichkeitsstörungen sind noch eine Spur „auffälliger“ als schizoide Persönlichkeiten. Einzelheiten siehe auch das entsprechende Unterkapitel in dem Beitrag über die Schizophrenien.

  • Auch bei der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung gibt es Über- schneidungsmöglichkeiten, doch ist deren eventuelle soziale Isolierung eher durch ausgeprägte Unsicherheit und Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung bedingt. Einzelheiten dazu siehe ebenfalls das entsprechende Kapitel.
  • Und im Unterschied zur paranoiden Persönlichkeitsstörung neigt ein Mensch mit schizoider Persönlichkeit mehr zu Empfindsamkeit und ggf. (schroffem) Rückzug als zu offener Feindseligkeit, wie bei diesen Kranken, z. B. gegenüber (scheinbarer) Kritik.
  • Manchmal gibt es auch Unterscheidungsschwierigkeiten gegenüber milde- ren Verlaufsformen des Autismus , insbesondere des Asperger-Syn- droms. Beides seit der frühen Kindheit bestehende Entwicklungsstörun- gen, die sich vor allem durch extreme Gestörtheit im zwischenmensch- lichen Bereich und ggf. durch auffällige Verhaltensstereotypien auszeich- nen. Einzelheiten dazu siehe das ausführliche Kapitel über das Asperger- Syndrom mit einer Übersichts-Tabelle zum Autismus.
  • Schizoid erscheinende Wesenszüge können sich aber auch ausbilden als Folge von Extrembelastungen und danach längerer körperlicher wie psychischer Erkrankung und durch längere Alkoholkrankheit , Medika- mentenabhängigkeit und Rauschgiftsucht. Einzelheiten dazu siehe die entsprechenden Kapitel.

Mögliche Krankheitsfolgen durch eine schizoide Persönlichkeitsstörung

Es gilt aber nicht nur andere, ggf. ähnlich erscheinende Leidensbilder auszu- schließen, es müssen auch die seelischen, geistigen, psychosozialen und körperlichen Folgen einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur berücksichtigt werden. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn solche Menschen in Be- handlung kommen, aber nicht wegen der (noch gar nicht diagnostizierten) Grund-Krankheit „schizoide Persönlichkeitsstörung“, sondern wegen psycho- sozialer oder sonstiger Konsequenzen.

Dies herauszufinden ist nicht einfach und in der Regel erst nach einer mittel- fristigen Behandlung möglich - und braucht beim Psychiater oder Psychologen viel diagnostische Erfahrung und therapeutisches Geschick. Denn diese Patienten beginnen ihre Behandlung oft wegen einer anderen psychischen Störung, die aber auf das noch nicht erkannte und bis dahin völlig in den Hintergrund gedrängte Grundleiden zurückgeht. Was können solche Folge– Krankheiten sein?

Dazu gehört vor allem ein depressives Zustandsbild. Deprimiert oder gar depressiv können schizoide Menschen werden, wenn ihnen ihre Sonderstel- lung („Sonderling“) langsam bewusst und die Konsequenzen zur Last werden. Wenn sie nicht in die Gesellschaft passen, keinen Freundeskreis, vielleicht nicht einmal einen einzelnen Freund haben, im beruflichen Umfeld ausge- grenzt werden und auch „zu Hause“, bei ihren Angehörigen in der Regel zwar geduldet, aber offensichtlich nicht willkommen sind.

Vor allem, wenn sie im Grunde den nicht wirklichen Wunsch nach Nähe zu anderen verspüren, trotzdem aber glauben - z. B. aus „konventionellen Grün- den -, sich in irgendeiner Weise binden zu müssen. Wenn eine solche Partner- schaft (fast zwangsläufig) scheitert, kann der Zusammenbruch eigener Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen auch eine depressive Reaktion zur Folge haben.

Zuletzt kann eine solche depressiv-resignative Grundüberzeugung dann ge- fährlich werden, wenn der Betroffene glaubt, sein Leben sei sinnlos, öde, ohne Zweck und Zukunft - und sollte deshalb vorzeitig abgebrochen werden, und zwar von eigener Hand (Selbsttötungsgefahr).

Schizoide Persönlichkeiten neigen aber im Rahmen der erwähnten zwischen- menschlichen, gesellschaftlichen und beruflichen Schwierigkeiten auch zu Angststörungen. Und hier insbesondere zu einer so genannten Sozialphobie (Angst vor den anderen schlechthin) bzw. zu anderen Phobien (Zwangs- befürchtungen). Einzelheiten dazu siehe das ausführliche Kapitel über Angst- störungen.

Zu solchen Angst-Reaktionen mit nachhaltigen Folgen kann es dann kommen, wenn sich die Betreffenden privat und beruflich gezwungen sehen, intensivere zwischenmenschliche Tätigkeiten aufzunehmen und insbesondere dort Erfolg zu haben. Der aber ist bei einem zwischenmenschlich gehemmten Menschen schwierig. Denn Erfolg hat man in vielen Fällen vor allem dann, wenn man sich auch innerlich mit einbringen kann; das schätzen nämlich die Verhand- lungspartner, wenn auch ansonsten das Prinzip des lächelnden Ellenbogens dominiert.

Mit anderen Worten: Zu einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur als Grund- krankheit kann dann auch eine „Menschenangst“ (Fachausdruck: soziale Phobie - s.o.) kommen. Oder Angststörungen, zumindest aber belastende Befürchtungen, je nach Ausgangslage, Anforderungen und psychosozialen Konfliktmöglichkeiten.

Und schließlich ist auch eine so genannte Depersonalisationsstörung nicht auszuschließen, besonders bei ausgeprägteren und konsequent jeden Kontakt vermeidenden Einzelgängern. Denn ein Leben am Rande der Gesellschaft (auch wenn wohnlich mittendrin) kann bei zunehmendem Rückzug und damit

Über die Geschlechtsverteilung gibt es ebenfalls keine erhellenden Auskünfte. Möglicherweise sind Männer wie Frauen gleich häufig betroffen.

Das familiäre Verteilungsmuster bzw. damit entsprechende Erbfaktoren besa- gen, dass schizoide Persönlichkeitsstörungen bei Verwandten einer Schizo- phrenie oder einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung häufiger zu erwar- ten sind.

Wie erklärt man sich das Entstehen einer schizoiden Persönlichkeits- störung?

Die Frage, wie ein Mensch zu einer solchen Persönlichkeitsstörung kommt, scheint wissenschaftlich noch nicht ausdiskutiert.

Zum einen sind dabei biologische Aspekte nicht zu übersehen (siehe die Erkenntnisse über das familiäre Verteilungsmuster: öfter Verwandte von Men- schen mit einer Schizophrenie oder schizotypen Persönlichkeitsstörung. Es stehen allerdings noch umfassendere Untersuchungen aus (was aber gerade bei so schwer erreichbaren Patienten besonders schwierig sein dürfte).

Psychoanalytisch wurde diese Art von Krankheitsbild ja schon früher als schizoide Neurosenstruktur bezeichnet (s.o.). Und man interpretierte die dominierende Neigung zur sozialen Selbst-Isolation als Form der Abwehr gegen zwischenmenschlich nahe und intime Beziehungen.

Andere Wissenschaftler vermuten, dass es sich hier um die spezifische Schwierigkeit handelt, Ärger und Feindseligkeit adäquat auszudrücken, ob- wohl Angst und Wut sehr wohl vorhanden seien und subjektiv quälten. Diese „Sperre im Ärgerausdruck“ führte ihrerseits zu den vagen und unbestimmten zwischenmenschlichen Kontaktwünschen bzw. dem Vermeiden solcher Kom- munikationsmöglichkeiten. Das gehe - so einige Psychoanalytiker - vor allem auf eine Störung der frühen Mutter-Kind-Beziehung zurück, bei der dem Kind die nahe Erfahrung von Intimität, Zuneigung und Liebe verwehrt oder nur un- vollständig ermöglicht worden sei - mit allen späteren Konsequenzen.

Wie behandelt man eine schizoide Persönlichkeitsstörung?

Erfolgreich behandeln kann man nur, wer einen Behandlungswunsch äußert, also behandlungswillig ist. Das ist gerade bei schizoiden Persönlichkeitsstö- rungen nicht die Regel. Viele dieser Patienten sind zwar unzufrieden bis un- glücklich, aber als krank und damit behandlungsbedürftig stufen sie sich nun doch nicht ein. Und wenn sie - wie erwähnt - von anderen zum Psychologen oder Psychiater geschickt werden („jetzt tu‘ endlich was!“), dann ist auch die-

ser Weg nicht die günstigste Ausgangslage für eine erfolgreiche Therapie, wenn man dazu erst angehalten bis gezwungen werden muss.

Dazu kommen spezifische Konsequenzen, die beispielsweise mit dem Fach- ausdruck umschrieben werden: Kompetenz-Defizit im Umgang mit zwischen- menschlichen gefühlvollen Beziehungen. Oder auf deutsch: Wie soll man den zwischenmenschlichen Kontakt erlernen oder „trainieren“, wenn man ihn nicht sucht, ja gezielt meidet. Dabei wäre die spezielle Angst vor intimen Beziehun- gen schon traurig genug, doch die Furcht bezieht sich ja auf die allgemeine Basis-Kommunikation im Alltag. Oder nochmals wissenschaftlich: Es werden keine differenzierten Interaktions-Erfahrungen gemacht und damit keine Kom- petenzen im Umgang mit gefühlsmäßig negativen wie positiven zwischen- menschlichen Beziehungen erworben.

Das begünstigt einen Teufelskreis: Die schroff-zurückweisende Art schizoider Persönlichkeiten provoziert im harmlosesten Falle Rückzug der anderen oder Kritik, vielleicht aber auch feindselige Ablehnung und schließlich Ausgrenzung. Das Endergebnis sind Selbst-Isolierung und Vereinsamung. Von einer solchen traurigen Basis aus aber ist natürlich mit keiner Klärung der Situation, ge- schweige denn einer Besserung und Re-Integrierung in das gesellschaftliche Leben zu rechnen. Oder kurz: „Wer draußen ist bleibt draußen“ (Zitat einer Betroffenen).

Hier aber setzt vor allem die Verhaltenstherapie an, ein psychotherapeuti- sches Verfahren, das sich gerade bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung am Alltag fest macht und in kleinen Schritten zumindest Erleichterung, wenn nicht gar ein begrenztes „Zurück“ in den Kreis der anderen erlaubt.

Aber wie gesagt: Gefragt ist auch eine solche Verhaltenstherapie nur selten. Die meisten schizoid Erkrankten nehmen ihre Einsamkeit, ihre Frustrationen und Enttäuschungen als schicksalsmäßig hin - obgleich es eigentlich Möglich- keiten gibt, diesen letztlich unglücklich Lebens- bzw. Leidensweg zumindest etwas zu erleichtern.

Mehr wollen übrigens auch die meisten gar nicht, weshalb die Heilungs- aussichten auch wiederum nicht so negativ beurteilt werden, wie das manch- mal geschieht. Aber immer unter der erwähnten Voraussetzung: Der Betrof- fene muss eine Behandlung wollen. Das Umfeld, d. h. Angehörige, Bekannte, Nachbarn, Arbeitskollegen u.a. sehen sich dazu weder in der Lage, noch willens, denn man sieht gerade beim schizoid Erkrankten vor allem nur die schroff-abweisende „Schale“, nicht den leidvollen Kern.

Anhang: Vom Einzelgänger zur schizoiden Persönlichkeitsstruktur?

Jeder, der sich die wichtigsten Merkmale einer schizoiden Persönlichkeitsstö- rung vor Augen hält, kennt Menschen, die ihm dazu mehr oder weniger spon-

  • Natürlich kommt die Single-Mentalität einer schizoiden Persönlichkeitsstruk- tur eher entgegen. Je mehr Menschen für sich alleine leben und dies auch mit Genuss, zumindest bedingter Zufriedenheit tun, umso weniger fallen jene auf, die vielleicht noch einen Grad zurückgezogener sind, aber wegen dieser all- gemeinen „Vereinzelungs-Tendenz“ auch kaum zu längeren Diskussionen Anlass geben.
  • Und schließlich mag es so manchen Misch-Typ geben, von der Wesensart her ein wenig schizoid, von der derzeit dominierenden Gesellschaftsstruktur her aber nicht untypisch. Und vor allem auch nicht an sich und seinem Leben leidend. Und durchaus erfolgreich im Beruf, besonders wenn sie selbständig sind oder für sich alleine arbeiten können. Oft genießen ja selbst ausgeprägte schizoide Persönlichkeiten einen hohen Stellenwert an ihrem Arbeitsplatz, weil sie wegen nicht einengender Bindungen beruflich flexibler einsetzbar sind, sich voll auf ihre Aufgaben konzentrieren können und dies auch als Chance empfinden (nach P. Fiedler).

Literatur

Sehr spezielles Thema mit meist englischsprachiger Fachliteratur, kaum allgemein verständlichen Informationen. Grundlage vorliegender Ausführung sind

APA: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen - DSM-IV. Hogrefe-Verlag für Psychologie, Göttingen-Bern-Toronto-Seattle 1998

Fiedler, P.: Dissoziative Störungen und Konversion. Beltz-PVU, Weinheim 2001

Fiedler, P.: Persönlichkeitsstörungen. Beltz-PVU, Weinheim 2001

WHO: Internationale Klassifikation Psychischer Störungen - ICD-10: Verlag Hans Huber Bern-Göttingen-Toronto 1991