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Orientación Universidad
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Textos de lectura, Apuntes de Idioma Alemán

Asignatura: Alemán 3, Profesor: Marta Fernandez Bueno, Carrera: Estudios Ingleses, Universidad: UCM

Tipo: Apuntes

2011/2012

Subido el 26/10/2012

auszubildender
auszubildender 🇪🇸

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84 documentos

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Ichi weifi nicht, wie wir uns verabschieden sollen. Ich stclle mir vor, wie wir uns umarmen. Wie Schulfreunde, kinger als Schulfreunde, náher als Schulfreunde. Icl: stelle mir vor, wie sein Mund meinen sucht, wie seine Zunge s zwischen mcinc Lippen schiebt. Ich will seine Zunge niche in meine Mund spiren. Ich zógere. Neh e ich. Wie spát ist es, fragt er. Ich schaue durchs Fenster auf die men avir noch 1 Letaten, sé Uhr am Armaturenbrert. Zaweí, sage ich. Das gibts doch nictt, sagt er. Oh Got, sagt er, Carlos har bestimit schon in die Wobming gepift! Ich gebe auf ibm zu und sage: Ja dana. . Ich umarme ibn. Machi gut, sage ich. Ich lóse die Umarmung. Er macht keinen Versuch, mich festzuhalten. Du auch, sagt er. Ich schlieBe dic Autocir auf. Er fragt nicht einmal, ob und wann wir uns wiederschen. Ich fahre langsam. Ich starre geradeaus, durch die ver- schmierte Scheibe, rauche bei oftenem Fenster cinc Ziga- rette und versuche, nachzudenken. Ich schleiche mich in unsere Wohnung und stehe einen Moment in der offenen Schlafzimmnertór. Mein Mann schliift rubig unter der Decke, die nichts taugt. Die gute Decke liegt schón da und wartet auf mich. Ich lege mich neben ihn und decke mich zu. Mein Mann bewegt sich. Du stinkst nach Zwiebel, sagt er, dreht sich um und schlife weiter. Ich mul fast lachen. Tit mir leíd, murmle ich. 36 Wendel wartet Wendel wartet. Das hat er immer getan, seit er denken kann. Eines “Tages hat Wendel scinen Bruder in der Grofistade besuchrt und ist dageblieben. Er bezog dic Abstellkammer und wartete, Nach einer Weile schrieb er sich an der Uni ein, im selben Fach wie der Bruder und sein Mitbewohner, um Geld von seinen Elrern zu bekommen. Wendel studiert gerade soviel, dafí er kcine Unannehm- lichkeiten mit seinen Eltern und den Studiengesetzen bekommr. Wendel gibt sein Geld im Wirtshaus aus. Das Geld mul im Un Wirtscha; Ne RA uf bleiben, sagt er, des ¿st wichrig fúr eine gesunde Er geht jeden Abend spát weg und trinkt Bier, Wenn er lánger bleibr, trinkt er Bier und Schnaps. Nach dem Autsrehen trinkt er zwei Gláser Wasser mit Vita- mincn, Magnesium und Kalzium. Man kann nie wissen, sagt cr. Wendel raucht einen halben Beutel schwarzen Krauser am Tag. Als sein Bruder nach dem Studium die Stadt verliefi, Z08 Wendel von der Abstellkammer in sein Zimmer um. Er konnte den Mitbewohner nicht leiden, noch nie. Er hatte Angst vor ihm. Der Mitbewohner magerte ab und begann, Selbstgesprá- 37 che zu fíhren. Manchmal schrie er jemanden an, der nicht da war. Wendel kaufte sich Ohropax. Wendel hat Gcduld, und alles, was er har und erlcbt hat, isc zu ihun und iiber ihn gekommen. Wendel hat keinen Grund, das Warten aufzugeben, Nacheinander gingen die Durchlauferhitzer in der Kiiche und im Bad kapurt. Es gab kein Warnmwasser mehr in der Wohnung. Wendel gewóbnte sich an die kalte Dusche und war mit sich zufrieden. Fr fing an, andere Mánner als Warmduscher und Weicheier zu beschimpfen. Dic Ófen im Flur, im Bad und in der Kiiche fielen aus. Wendel verliefá sein warmes Zimmer winters kaum noch, im Sommer ging er manchmal ins Bad und rasierte sorgfil- tig die kúmmerlichen Haare vom Kopf. Dann rieb er sich den kahlen Schádel mit Vaseline ein. Als der Rasierapparat nicht mehr funktionieren wollte, be- nutzte ex hin und wieder eine Klinge des Mitbewohners. In der Kíiche oder im EFlur, wo das Telcfon stand, hielt er sich hingegen niemals lánger als unbedingr nórig auf. Das Risiko, dem Mitbewohner zu begegnen, war zu grob. Die sonntáglichen Anrufe seiner Murter hielt er von Wo- che zu Woche knapper. Mir der Zeit wufte er schon, dal sie piinkelich um halb zwólf nach ihrem Kirchgang anrief. Er stellte den Wecker und lauerte hinter seiner Zimmertir aufs Klingeln. Mit ein paar schnellen Bewegungen war er am Apparat und sagre, ohne dic Begriifung oder eine Fra- ge abzuwarten: Guien Tag, Mutter. Er verlor kcin Wort zuviel: /a, alles in Ordnung bier ... mein, hab keinen Grund zu klagen ... ja, schónen Sonntag, und legre auf, um in sein Zimmer zuriickeukommen. In der Kiiche hate er ohnedies nicht viel zu schaffen. Diensrags kochte er sich eine riesige Reispfanne mir Hiihn- chenficisch, wilrend der Mitbewohner bei irgendceiner 38 Behandlung war, von der Wendel nicrnals Grund und Wesen crfuhr. Von der Reispfanne zehrte er eine Woche. Er wármte sich jeden Tag eine Portion auf, immer nach- mittags. Er klapperte laue mic Lópfen und Geschirr, seit er herausgefunden harte, da der Mitbewohner cinc Abscheu vor Essen hatte, Das Gellapper war das Signal: Achrung, hier wird gleich gegessen. Unter Garantie liel$ der Mitbe- wohner sich nicht blicken. Trgendwann gab auch der Gasherd den Geist auf und das Teleton wurde gesperrt, weil die Rechnungen nicht bezahlr wurden. Wendel war viele Sorgen los. Wendel trágt dic Kleider scines Vacers. Alle drei Monate bringt der Postbote ein Paket. Wendel lift den Boten jedesmal in den vierten Stock hochkommen. Er wird dafitr bezablt, sagt ex, und Laufen ist gesund. Er óffnet die Kleiderpakete immer sofort. Ohne Hast oder Neugierde. Stick fir Stiick zicht cr dic Kleider aus der Karton, faltet sie sorgfiltig auf dem Bet und legt sie in den Kleiderschrank, den sein Bruder zurúckliefs. Jacken und Mántel hángt er auf Búgel und biirstet sie, bevor er sie in den Schrank hángt. Bevor Wendel abends ins Wirtshaus gehr, óffner er in Un- terhemd und -hose den Schrank und hebt vorsichtig Klei- dungsstiicke heraus, dic cr dann anzicht. Er nimmt immer dic Sriicke heraus, die zuoberst auf den ordendichen Stapela liegen. Er nimmer das oberste Temd vom Tlem- denstapel, den obersten Pullunder vom Pullunderstapel, die oberste Hose vom Hosenstapel, und zieht sich an. Die Socken sind im Sockenfach, dic Schuhc stchen aufgerciht auf dem Schrankboden. ln Mantel und Hut stebi er dano 39 nur noch Haut und Knochen úbrig. Wendel starrte auf den Hintern, den Rúcken, die Knickeblen des Mitbewohne:rs, bis er ihn im Treppenhaus nichr mehr sehen konnte. Wen- del wartete kurz und hastete ins Bad. Um Zeit 71 sparen, pinkelte er ins Waschbecken. Zuriúick in seinem Zimmer, schlof er dic Tiir ab. Er serzte sich auf seinen Holzsessel arm Schrcibtisch und machte sich unsichebar. Als der Mitbewohner spáter seinen Namen rief, stellte er sich tor. Die beiden sahen sich nie wieder. its mit 18 lichreten sich seine Haare. Er vóóhnte sich schnell Wendel ist 37. Be harre eigentlich nichts dagegen und daran. Mi sein Haar so schúrrer wie das scincs Va- rers. Damals begann er, genau wie sein Vater, sich den Kopf gánzlich kahl zu rasicren. Wendel studiert, scit sein Tlaar so schútter wie das seines ich immer bemiil. har, bestehende Varers isc. Obwohl er Verhiilenisse nicht zu ándern, náhert er sich unweigerlich dem Studienabschluf. Wendel weiff das. Er macht s keine Sorgen dariber, Wendel machr sich niemals Sorgen. Aber er empfinder groBes Unwohlsein, wenn er daran denkt. Ein Unwohlscin, das viel gróÑer ist als das Un- wohlsein nach dem Aulstehen am Morgen, und wesentlich gróBer als das Unwohlsein, das ihn tiiglich begleiter, bis er as erste Bier gerrunken har. Am wohlsten ist Wendel im Wirshaus und in den abendlichen Momenten vor dem Spiegel, wenn er sich in den Kleidern des Vaters beschaut. Eines Tages kam die Liebe zur L'úr hercin. Sie sagte: Tech hab gebórt, hier ist cin Zimmer, Wendel starrte sie an. Aba, sagte er. Sie sah sich in der Wohnung um. 42 Der Ofén in deinem, also in dem Zimmer, der suts noch, sagte Wendel und harte Lust, sie in die feuchtglinzende Unterlippe zu beifien. legte eine Monarsmiete auf den Kiichentisch und, ver- schwand. : ZLwei Wochen wartete Wendel darauf, dalí sie wiederkam. Er stand am Fenster und bemerkte die grimende Kastanic im Hinterhof. E Zeitungstoto von Stan und Ollic, das er ihr schenken woll- he Plarte ráumte sein Zimmer auf. Er fand ein altos re, wenn sie wiederkáme. Er hórte sich cinc von Frank Zappa an. Er fand sich úber cinem Gedichtband von Rilke wieder und ricf sich zur Vernuntt. Als sic wiederkam, war sie in Begleitung eines Herrn, der sich als Wendels Nachbar herausstellte. Sie hatte ¡hn gera- de im Treppenhaus kennengelernt. Der Nachbar scellte seinen Werkzeugkoffer im Bad ab und machte sich am Ofen zu schaffen. Gibt es Kaffee, fragte sic. Der Herd gebt nicht, sagie Wendel. Sie verschwand im Bad. Sie kam mir dem Nachbarn wieder heraus. 25c/ der Nachbar zu Wendel und ging. Im Lauf der Woche kam er táglich wieder, schleppte Ge- ráte in die Wohnung und aus der Wohnung, reparierte, installierte und schwitzte. Sic schlicf die erste Nacht auf dem Boden, ging am andérn Morgen los und kam abends mit zwei Kerlen zuriick, die 155, SAgre ein Bert in ihr Zimmer trugen. Jeden Morgen verlief sie die Wohnung und kam abends mic Móbeln, Kisten, Koffern und Kerlen wieder. Wendel wartete in seinem Zimmer auf ein Ende der nal mit ihr zu Betriebsamkeit und eine Móglichkeit, e reden. 43 Am Ende der Woche war Ruhe. Sie stand plórzlich in seincn Zimmer und sagte: Schan dich um. Wendel ging hinter ihr ber und schnupperte an ihren Huaren. Sic fúhree ¡hn durch dic Wohnung, die nicht mehr seine war. Er fúhl- te Unbehagen und Glúck. Warm, warm, alles warm, sagte sie, drehte an den Wasscr- háhnen und Ófen und kúBre ihn auf die Wange. Ja, sagie Wendel, ja, wn. Sic umarmten sich. Wendel klebte das Foto von Stan und Ollie an die Kacheln úiber dem neuen Herd. Er kaufte cin Kochbuch, das er beim ráglichen Stuhlgang auswendig lernre. Er kaufte ein und kochtc fir sie. Sie harte einen guten Ap- petit und lobte seine Kochkinste. Er duschte weiterhin kalt und empfahl ihr, aus Griínden der Gesundheit und Sparsamkeir dasselbe zu tun. Sie lach- cc ibn aus. Abends ging sie aus. Friiher als Wendel, und ohne zu sa- gen, wohin, Wenn er vom Wirtshaus nach Hause kam, war noch nicht zurick. Ofr kam sie gar nicht. Wendel lag dann in seincm Bert und warrete aul sic. Falls sie irgendwann nach Hause kam, úberlegre er bis zum Morgengrauen, ob er sich in ihr Zimmer schleichen und zu ihr legen sollte. le meist Niemand wei, warum Wendel Wendel heiBt. Wendel selber hat lingst aufgehórt, dariber vachzudenken, Er hat diesen Namen, der nicht einmal im Klang an den Namen in seinem Áuswcis erinnert, seit er denken kann. Den Na- men, der in scinem Ausweis stehr, kann er niche leiden. Es arers. Wenn er auf einem Amr seinen ist der Name scines Ausweis vorlegt, denkt er manchmal dariiber nach, warum seine Eltern ihúm, dem Zweitgeborenen, den Namen des 44 ire, Vaters gegeben haben. Dann iiberlegr er, wie es wohl y den Namen seines Bruders bekommen zu haben. Und zulerzt finder er es ganz in Ordnung, wie es ist. Meistens enden Wendels Gedankengánge damir. Daf es ganz in Ordnung ist, wie es ist. Seine Liebe nannte Wendel Lavendel, Er erlaubre es ihr. Sie klopfte niemals an. Sie rief immer gleichzcitig Lavendel und rif seine Zimmertiir auf. Dann sagre sic: Siór ich, Wendel sagre nie was und schúttelte immer den Kopf. Naciirlich stórre sie. Sie. srórte seinen Schlaf und sein ausgeglichenes Unwohl- sein. Sie stórte scin gleichmáfiges Warten. Sie brachre alles durcheinander. Es war laut, wenn sic da war, und zu still, wenn nicht. Er war aufgeregt, wenn sic da war, und unrubig, wenn nichn. Er fing an, Pline zu machen. Ge- meinsame Pláne. Angefangen bei den Mentiplánen fir die Mahlzeiten, die er ilu kochte, bis hin zu Kinobesuchen, die nie sratefanden. Er plante wochenlang, ihr Blumen zu schenken, sie ins Wirtshaus mitzunehmen, mit ihr einen Spaziergang zu machen. Und natiirlich, sich nachts in ihr Zimmer zu schleichen und zu ihr zu legen. Niemals hatte Wendel Pláne gehabt, gemuchr, gehegr. Niemals. Er hatre kcinc. Keine Pláne, keine Ziele, keine Absichien. Er war- Lera, Eincs Winternachts fand Wendel sein Zimmer beim Heimkommen eiskalt vor. Er war zu lang geblieben, er hatte zu viele Biere und Schnápse getrunken, dic Kohle in seinem Ofen war vergliihe. Scin Laken war klamm, er war besolTen. Er entschied sich nicht. Sein Kórper erhob sich von seinem Bett und ging der Wárme nach. Sein Ki rper suchre dic Wirme ihres Kórpers. Er lag neben ihr. Er be- 45 Um Damaskus Betty hat schóne Dúfie. Wenn sie spricht, bewegen sich ihre Zehen in den teuren Sandalen. Dic Nigel sind blafblau lackicrt und schimmern im Son- nenlicht. Ich starre auf ibre FúBe wie auf exotische Ti Ich weifs, dali es hóflicher wire, ihr beim Zuhóren in die Augen zu schauen, aber ich kann mich vom Ánblick dieser Fife nicht losreifen. Bertys FiiBe sind mir noch nie aufgefallen. Vielleiche, weil Berty selten spricht. Oder weil sie selren Sandalen trágt. Oder aber ihre Fúbe sind heute so schón, weil das cine Liebesgeschichte ist. Es ist heifí. Berry hat ihre Sonnenbrille hochgeschoben. Die Augustsonne sticht. Trotzdem hat Betty die Son- nenbrille hochgeschoben, um mir die Geschichte von JanézSonja zu erzáhlen. Wir sitzen uns gegenúber auf Campingsrúhlen. Die Cam- pingsriihle stehen im Nirgendwo ciner Waldlichtung. Der winzige Sonnenschirm wirft einen Schattenklecks. Neben Betty steht die Kiihlbox mit den Bierdosen. In einiger Ent- fernung spielen Bertys Mann und mein Freund Der Bal! mul in der Luft bleíben. 48 Die Miinner wollten schwimmen gehen, aber Betty sag- tur iiber meine Leiche. Wir sind mit dem Auto aus te: / der Stade rausgefabren. Wir gehen sebiwimmnen, sagien die Mánner. Neín, neín, neinund mur úiber meine Leiche, sagte Betty. Dic Mánner haben ihre Badehosen, dic Kiihlbox und den Fulsball in den Kofferraum gepackr. Betty kann Sonne und Strand nicht lciden. Betty hat darauf bestauden, den Son- nenschirm mitsunchmen. Im Autoradio spielten die Beach Boys. Leiser, sagte Betty Neín, lanter, sagte mein Freund und drehte das Radio auf. Mein Freund und Bettys Mann sangen mit den Beach Boys von Sonne, Srrand und salziger Luft. £5 ¿st Sommer, Baby. sagre Bertys Mann zu Beuy. Aufferdem bin ich der Fabrer. Und der Fabrer darf Radio hóren und singen, wenn er will. Der Fabrer ist Kónig. Berry und ich sañen hinten. Mein Freund kurbelte das Schiebedach auf. Sic tranken Fahrtbier und sangen mic dem Radio, der Fabrerkónig und sein Adjutant, und hin- ten erdulderen wir, das Volk, dic kóniglichen Launen. Hier bleiben wir, sagte mein Freund und rammte den Sonnenschirm in den márkischen Sand der Waldlichtung. Berrys Mann klappte die Campingstúlle auf. Fiir unsere zarten Dam Wildnis kei Damen. Sie pliinderten die Kihlbox und schlugen sich in die Wal- der, um eine Badegelegenheit zu suchen. Irgendein Tiimpel finder sich immer, sagte mein Freund. Sie warcn nicht lange weg. Mebr Bie sagte er, bitreschón. Damit ench hier in der bitte Plate zu nebmen, die e Seblange beif Ich glaube, das cinzig NafSkiihle, mit dem sie in Berúbrung gekommen waren, Hofí aus Doscn. Sie holten den Ball aus dem Netz 49 und begannen mit dem Zuspiel. Arfivá mphase, verordne- te mein Freund. Beuty spricht nicht viel. Meistens sagr sie neín oder nur iiber meine Leiche, wenn sie spricht. Sie schiebr ihre Sonnenbrille hoch. Virst du schon mal in Damaskus. Ich schúttle den Kopt. Teh auch nicht. Pause. Sie holt Luft. la Damaskws schwit- zen die Menschen nicht, sagt sic mit einem Blick auf ihren Mann, der sich die Stirn wischt. Dorr glánzen die Men- schen. Frisch gebadet und geólt Die Lufr ist wall vom beróren- den Dufi der kostbaren Badeóle. Die Lufi riecht nach Liebe, sagí Berry. Ich sage nichts. Ich habe die tanzenden Zehen entdeckt und wúnsche mir, dal Betry weiterspricht, Das weif ich von Jan, sagt Betty. Ich kenne Jan nicht. Ich kenne auch Sonja nicht, aber ich may fremde Liebesgeschichren und tanzende Zehen. Deshalb sage ich Ah, Jun. Ja, Jan, sagt Betty. In Damaskus isc Jan und Sonja klar geworden, was sie schon immer wultten: dal sic die Liebe noch nicht gefun den hawen. Obwohl Jan verheirater und Sonja liiert war. Es waren die Falschen. Jan har die falsche Frau geheirater. Sonja har sich in dic Arme des falschen Fr eundes geworfen. Beide wubten das, eigentlich, aber beide waren verniimfig 8, ¡hr Ungliick hinzunchmen. Ich hóre Bettys Stimme und sehe ihre Fife. Die Fúfe tan- zen den Tanz der ungliicklich Vernúnftigen. Aber, sagt Berry und ihre groBen Zehen richten sich «uf, dana har es die beiden nach Syrien verschlagen. genug 50 Bettys Zehen geraten in Aufruhr, ihr Tanz wird schneller, auf und nieder bewegen sie sich, auf und nieder: Der verheiratete Archiologe Jan und die lijerte Is MNWISs- senschaftlerin Sonja gelangen ins Land der betórenden Liebesdúfte. Beide haben im Umland von Damaskus an eincr Ausgrabungsstátre zu tun. Jan legr das alte Heiligtum frei und bemerkt erst niche, dal Sonja ihn anschaut. Ich zwinge mich, Betty anzuschauen. Sie streicht sich mit Daumen und Zeigelinger tibers Kinn. Thre Fingernágel sind zerkaut und niche lackiert, Ich schie- le wieder nach den Fiifen. Die Zehen tanzen einen Slowesttox. Jerzt zucken sie: Sonja hat Jan gerade angesprochen. Jan und Sonja essen in einem Lokal zu Abend und frúb- siíicken in einem Hotelbett. Sonja har Jan verzaubert. Die groffen Zehen reiben sich trige an ihren Nachbar- zehen. Aber, sagt Berry und krarzt mit den zerkauten Fingernágeln am Rist des rechten Fubes, Jan exfibrt, daf seine Fran schnver krank ist. Er verláfít Damaskus und fliegt nach Hause. Der rechte Fu schlipft aus dem Schub und kreist in den Luft. Dic veraweilelte Sonja heiratet ihren Freund und versuchr, Jan zu vergessen. Der rechte FuB schlúpfe zuriick in die Sandale. Betty schweigt und ¡ihre Zehen ruhen. Nur das Aufprallen des Balles auf den Kórpern unserer Miinner ist zu hóren. Ich schaue kurz zu ihnen hin. Sie sind vertieft in ihr Spiel. 51 jevzt erscheine. Irgendwann, wenn du nicht mehr mit mir schlifse, wirse du es viellcicht einer anderen Frau zeigen. Wenn meine Verformungen und Entráuschungen sichtbar werden und unser Zanber verflogen ist, wird es dieses Foto sein, das den Moment beschreibt, in der ich die Weide- kiiezchen streichelte und dich mcinte. Dieses Foto wird es sein, nicht deine Erinnerung. lse das nicht zu frrih, Stage ich noch einmal. Zu friib Weidekátzchen? Ich lasse den Zweig los. Wieder sehe ich das Foto vor mir. Ich sehe meine Hand auf dem Foto vor mir, meine Hand, dic diesen zarten Zweig hált. Ich mag diese Hand nicht, die ich da vor mir sehe. Ich mag nicht, wie sie da auf dem Foto diesen zarten Zweig driickt, die Hand. Grob sieht sic aus, die Hand an diesem zarten Zweig. Ich wei8, dali die Mand die Weidekárzchen strei- chelt, und doch wirkt es so, als táte sie den weichen Kárz- chen Gewalr an. Auf dem Foto, das ich vor mir sehe, sehe ich eine gewalrrátige Hand. Mit dciner Kamera nimmst du diesem Moment seine Zartheit und machst ihn auf immer und ewig und bewcisbar zu einem groben. Nie und nim- mer wirsc du in deiner Zukunft auf dem Foto erkennen kónnen, dal diese Hand die Weidekárzchen kostc. Nie und nimmer wicse du erkennen kónnen, da diese Hand dich streichelte, als sie die Weidekárzchen streichelte. Es ist ganz sicher zu fritb, sage ich. Vielleicht erfriert ¿br sobon heut nacht, ibr dummen Kátzchen. Wie sinalos. Wahrschein- lich habt ihr eure Kipfe erst beute in die Welt gereckt, 2u frb, zu nengierig, zu invorsichrigz. Lrse heute, und alles, was ihr erlebr haba, bevor ihr erfriert, war meine Beriihirnng. Die Be- riibrung durch meine Hand. Wie sinnlos, wiederhole ich und schaue dich an. Du stehst da und háltst deine Kamera gegen deinen Bauch und Lift 54 mich mit Weidekáitzchen reden. Du stehst da und be- schitezt mit deinen Fánden das Foto in der Kamera und liftmich reden. Du wartest, wartest ab, dali ich fertig wer- -hsten Ort, 21 einem de, dal3 wir weitergehen, an einen ni náchsten Bild. Dieser Ort, di Ort mit diesem Strauch, das isc fiir dich erledigr. Dein In- teresse hat sich erschápft, das Foto ist gemacht. er Strauch, ich an diesen Ich breche einen kleinen Zweig vom Strauch und stecke ihn in meine Jackentasche. Fiinf Weidekitzchen sind an dem Zawveig. Wenn ¿br die Heimfabre iibersteht, kónnt ibr die Nacht bei mir im Warmen verbringen, exkláre ich ihnen. Meine Stimme isc warm und weich. Absichtlich rede ich mit meiner wirmsten und weichsren Stimme mit den W dekárzchen und schaue dich dabei kúhl an. tch mag nicht weiergehen, sage ich. Du drehst dich um. Kom, sagst du und gehst los. Ich sehe dich gehen, ich sehe, wie du dich von mir entfernst. Ich habe noch nie jemanden úiber Geróll schlendern sehen, du schlenderse ber abschiis- siges Geróll, als wáre es der cdle, cbene Marmorboden einer Mailánder Einkaufspassage. Ohne File, ohne Zógern. Du schaust nicht, wo du hintrirtst, dein Kopf hált sich gerade auf scincra Hals, er dreht sich leicht nach links, nach rechts, du scheinst mit deinen Blicken das Lerrain zu erforschen, jeral legse du den Kopf in den Nacken und bleibst stehen. Ich sehe dich, die grauen Haare an deinern Hinter kopf, deinen Rúcken. Deine Hose schlackert um deine Beine und láfit die Umz risse nur crahnen, deine Jacke reicht úber den Hintern und! verbirgt ibn. Ich ziehe dich in Gedanken aus und lasse dich nackt da stehen, nur die Schuhe und dic Socken lasse ich dir. Nackt bis auf die FiBe lasse ich dich da in der kúhlen Februarlu£t ; in einiger Entfernung stehen und betrachte dich. 55 Ich betrachie die Haut an deinem winzigen Hintern, die- se weiche Haute, die ihre Sparmung aufgcgeben hat, sehe deine Schwanzspitze 7wischen den Beinen baumeln, die blauen Adern an deinen mageren Beinen, in den Kniekeh- len; die Rippen und Schulterblárter, die hart gegen deine weiche, spannungslose Riickenhaut driicken, und deine eckigen Schultern. Ich hebe den Arm und strecke ibn dir entgegen. Wenn ich mir meine Hache Iland vors Gesicht halte, kann ich dich mit meiner Hand bedecien, ich kann dich hinter meiner Hand verschwinden lassen, so klein bist du, so weit weg bist du. Ich fahre mit meiner Hand sacht úber deine nack- te, múde Haur, vom Nacken bis zu den Fesseln, es ist eine kleine, unaufwendige Bewegung, durch die Encfernung reicht diese kleine Handbewegung, um dich von oben bis unten zu streicheln. Wieder komunt mir meine Hand ricsig und grob, du zart und diirr und weich wie der Weidezweig mit seinen Kátzchen vor. Ich schlicRe die Hand zur Faust und recke den Zeigefinger. Jerzt sercichelt dich die Kuppe meines Zeigefingers, ganz langsam, ganz sacht, zitrernd vor Anstrengung, Kraft zu- rúckzuhalren, Du drehst dich um, ich lasse die Hand fallen, wic ertappt. Du láchelst mich an. Ich blicke zuriick. Dein Licheln weicht, emnsthaft schause du, ernsthaft und klar, und ich versuche, diesen Blick zu erwidern. Wir srehen uns gegen- tiber und schauen uns úiber die Entfernung gespannt in die Augen. Regungslos und gespannt. Ich záhle bis drei und ziehe blirzartig meine Hand, forme sie zum Revolver, ziele und schielée auf dich. Peheh! Im gleichen Augenblick reifít du die Kamera hoch, ziclst, driickst ab. Klick. Wir starren uns an, erscaunt. Dann weichen meine Angen 56 dir aus und suchen den Boden ab, hastig suchr mein Blick nach irgenderwas, nach ciner Idec oder einem Ausweg oder einem Halt. Ich sehe Geróll, Stcine, Wurzeln, Erde, Dreck. Ohne Grund bicke ich mich nach cinem Stein Bleib stehen, sagst du. Ich lasse den Stein fallen und blicke auf, blicke wieder in das Kameraauge und renne los, renne auf dich zu, mit gesenkiem Kopf, entschlossen, nicht zu lhal- ten, bis mein Kopf gegen deinen Bauch srófe. Erst dano zu halten, wenn dein Bauch meincm Kopf Widerstand leistet oder wir beide am Boden liegen, du auf dem Riscken, ich auf dir drauf. Ichi hóre dich lachen. Ich renne und du lachst und mir wird heifi. Ich beschlieñe, wútend zu werden. Ich hóre dich la- chen und rennc und mul auch lachen. Lachend renne ich, wir lachen. Ich renne und lache und weiche dir im lerzten Moment aus und renne lachend an dir vorbei ins Lecre. Ich stehe neben dir und lache mit dir, wir lachen und lachen, ich huste. Es ist Friibling, sagse du. Seban dich um. Jetzr ist Fribling. Ex istan friih, sage ich. Neín, sagst du. Ich huste. Du packst meinen Árm und zerrst mich unsanfi an dich. Die Kamera schligt mir hart gegen die Brust. Ich stóhne. Du láft mich los. Ls istscbonavieder Erúbling und avir hermen ams immer noch, sagst du. Heut ist der 16. Februar, sage ich. Bald hab ich Geburistag, und ich habe im Winter Geburisiag, im Winter, im Wimer, im Winter babe ich Geburtstag, das war schon immer so. Da bist ein Kind, sagst du. Du bist alr, sage ich, Du nicl sh. Wir umarmen uns. Meine Arme umschlingen deine Brust und deinen Riicken, deine Arme liegen satt um meinen Nacken. Meine linke Wange liegt auf deinem Brustbein, deine liege an meiner Schliifc. Immer noch nickst du, ich 57 Eben, antwortete ich gercizt, deshalb sollsr du ibm Ja dfien. Also ich a icht, sagre meine Mutter, und ich hárte es rascheln. Schweigen. Und, fragte ich barsch. Schweigen. Hallo, rieFich, hórst du mich? Horst de mich? leh bin sicher dert. Zoo, 1. Januar, neun Ubr. Wenns schmeit beim Krokodil, sanst beim Kamel. Und weiter, fragte ich. Nichts weirer, sagte meine Mutter. Kommst du an Weih- Im Zoo meciner Heimatstadt war ich nur einmal, als Kind von ncun Jaliren, cin cinziges Mal und unfreiwillig. Ein Schulausflug mit der Lelrerin und der Klasse. Danach nie wieder. Der Ausflug war ein unvergeliliches Erlebnis Ich trug einen karierten Rucksack, wie alle Kinder. Meine Murter harte Lee und Brote, Malstifte und Papier hincin- gcpacke, wie alle Mittrer. Am Eingang des Zoos wurden wir von der Lehrerin mit der steilen Stirnfalte durchgezihle Nicht rumzappela, siebhen bleiben jerzt, sehen mich an, sag die Lehrerin und záhlte. Matthias versteckte sich hinter mir. Matthias war winzig. lch mochte ihn. Ich wiinschte mir, dafí Gott ibn kráftig wachsen lie. Ich wiinschte mir, da Gott mich úberhaupt nicht mchr wachsen lief. Dann hárten wir eine Chance, Mauhias und ich, das erkláiree ich Gott immer wieder, Abend fir Abend, Marchias stand in meinem Riicken und zog an der Kapuze . Matthias wollte mich zu Fall brin- meines roten Ánor: 60 gen. Ich versuchre, stramm zu stehen. Ich wollte gezáhle werden. Matthias zog und zerrte an der Kapuzc, Ich wagte nicht, mich unmzudrehen. Sehaiwt mich «n, late die Lehrerin gesagt. Hor auf, sagte ich zu Matthias in meinem Riicken. Mat- thias zerrte Í Han sie wn, sagre der widerliche Thomas mit der Zahn- tiger. Pinige Kinder lachten. Spange. Hór jets auf; barich leise. Matthias hángte sich mit beiden Armen und scinem ganzen Gewicht an meine Kapuze. Ich taumelte riickwirts. Ich fiel, Dumime Kih, sagte Matthias, der schon wieder auf den Beinen war. Er lachte mit den anderen. Die Lehrerin sagte meinen Namen. Schneidend sagte sic meinen Namen. Steh «1/, sagte die Lehrerin. Das merk ich mir, sagre sie. Ihre Stirnfalte war so scharf und gerade wie cin Schnirt. [ch war nicht wittend auf Marthias. Ich haBte die Lehrerin. Ich wollte der Lehrerin den Stein, der neben dem Eingang lag, auf den Kopf hauen. Diesen riesigen Stein, dicsen Fels- brocken, diese Sitzgelegenhcit. Auf diesem Srein konnten bestimmt zwei erwachsene Hintern Platz nehmen, eng bei- cinander vielleicht, aber dennoch. Dieser Stein war einfach zu grob. Ich hafite die Lehrerin. Ich halte sie so sehr, dali mir Trá- nen kamen. 'S Totenglicklein lártet, dachte ich. Das sagren die Jungs in meiner Klassc, wenn sie uns Mádchen Schliige androhten. ¿S Totengló neten, erwas kleineren Stein um, den ich ihr auf den Kopf lein láuret. Ich blickte mich nach einem geeig- hauen kónnte, der Lehrerin, auf den Hinterkopf. 61 Seit elf Tagen mache ich Weihnachtsurlaub in meiner Hei- matstadt. Vor elf Tagen, zu Winterbeginn, am 21. Dezember, dem dunkelsten Tag des Jahres, stand ich neben dem Eingang ¿um Zoo und erkundigte mich an der Kasse nach dem Binrrirtsf Erwachsene, Tageskarte, 22 Er Gibt es ein Krokodil, fragte ich, Sic schob mir ein Faleblate ssenfirau. ken, sagte dic K entgegen. Hier, sagre sic. Und ein Kamel, gibr es das auch, fragre ich, wáhrend ich nach dem Faleblart grif Waollen Sie rein oder nicht, tragte die Kassenfrau. [ch glaube nicht, sagre ich. Den groflen Stein neben dem Eingang gibt cs micht mehr. Ich setzte mich auf die Scufen vor der Kasse und schlug das Faltblart auf. Dic Stufen waren kalt. Vor zehn lagen sal ich morgens im Restaurant gegen- úiber vom Zoo und záhlte die Menschicn, die an der Kasse Karten kauften und durch den Eingang verschwanden. 14. Seit der Zoo um neun geblínel hate, waren es 14. 14 Menschen, die ich nicht kannte. Die mich an niemanden erinnerren, den ich mal kannte. Vor mir auf dem Tisch lag der Regionalteil der Tageszci- tung. Ín meine Jackentasche hatre ich das Faltblact und 22 Franken gesteckt. Wenn ich den Kaffec bezable hátte, wiirde ich nicht mehr genug Geld fr die Eintrittskarte haben. Es gab ein Krokodil, und es gab ein Kamel, das wulite ich nun. Ich harte das Faltblare genau seudiert. 18. Immer noch kein Gesicht, das mich an irgendwen crinncrte. Ich schante 62 auf die Uhr. Halb zehn. Ich schlug den Regionalreil an. Za hoch kletrern verstófít gegen die nationale Norm, las ich. Vor neun 'lagen stand ich frierend neben dem Eingang und wartete auf die Kassendame. In meine Jackentasche hatte ich das Falcblart und 22 Franken gesteckt. Damals war Friilling, fcl mir cin, als ich auf die Srelle starrte, wo der gro(3e Stein lag, darnals, mit der Klasse und der Lehrerin, da war Fribling. Fr einen Moment spúrte ich die Hitze im Nacken, an Achseln und Flanken, die Hirze von damals, als Marthias mich zu Fall gebracht hatte und ich in meinem roten Anorak am Boden lag. Dic Kassendame setzte sich hinter den Schalter und drehte das Schild um, offéz. Ich war die erste Besucherin. Y leommen zum Sentoren- rundgang, stand auf einer Tafel hinter den Eingang. Wir srarten um balb zebn, stand da. Auf dem Lageplan im Faltblart suchte ich nach dem Weg ¿um Krokodil. Als ich vor der Glastúr eines Gebáudes stand, auf der ich in einer Reihe von Piktogrammen ein Krokodil zu erkennen— glaubre, spirte ich mecinca Puls im Hals. Mein Herz war hochgerutscht und schlug gegen meinen Hals, als wollte es sich befreien. Ich óffínete die Glastiir mit der Aufschrift Exotarivin und bctrat cinen dunklen Raum. Die Túr schlug hinter mir zu. Ich blieb stchen und wartete, daf meine Augen einen An- haltspunkt fanden. Kein Geriusch war zu hóren, nichts. Kein Mensch, kein Tier, niemand da aufer mir. Noch bevor meine Augen etwas erkannten, war die Er- inncrung da. Die Woge. Der Hab und die Scham. Ich 63 beim Krokodil, sonst beim Kamel. Zram hunderisten Mal las ich den Brief ohne Absender. Er war in meiner Heimat- stadt aufgegeben worden. Von jemandem, der nur meine Elternadresse kennt. Von jemandem, der nicht weiB, dali ich lángst nicht mehr da wohne. ie Buchstaben waren aus der Zeitung ausgeschnirren und aufgeklebt. Wie in den Krimiserien meiner Kindheit. So sahen die anonymen Briefe im Ternsehen meiner Kinder- tage aus. Eine alemodische Technik. Wer anonym bleiben will, wei8 sich heurzutage besser zu helfen. In jeder úlTent- lichen Bibliothek gibt es Zugang zu Rechnern, an denen man solche Botschaften schrciben und ausdrucken kann, spurlos, schmell und einfach. Sollte der Brief das Zitat cines Briefes sein, den ich irgend- ? Ich durchforstete wann irgendjemandem zukommen lie meine Erinnerungen. Nein. Ich kann mich bis heute nicht erinnern, jemals einen solchen Bricf gebastelt zu haben. Sollte die aufwendige Handarbeitsrechnik ein Hinweis darauf scin, dali der Verfasser sich Miihe gab? Dal ich der Múhe wert war? Wieder ging ich die Liste durch. Die Liste mit den 33 Namen. Alle Namen, an die ich mich crinnern kann. Die Namen aller Jungs, mit denen ich in meiner Heimatstade jemals zu tun hate. Wobei miteinander zu tun haben be- deurer, dal wir zum Beispiel in derselben Klasse waren. Oder gemneinsam in den Pausen kifften, hin und wieder. Oder uns auf der Demonstration zur Abschaffung der Armee begegner waren. Nichts weiter. Denn weiter war nichts. Ratlos ging ich die 33 Móglichkciten durch. Meine eigene Handschrift befremdete mich. Natúrlich ist auch der winzige Marchias auf meiner Liste, seine Eltern Auch ihn harce ich jalhrelang, vergessen. Se 66 ¡hn auf ein Internar schickten, haben wir uns nie mehr ge- sehen. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist, ich wei auch nicht, ob er ordemlich gewachsen ist. Mir ficl cin, dali er gut klectern konnte. Ich bewunderre ihn dafíir. Er huschte die Stangen hinauf, an denen ich mich verzweifelr abmúihte. Endlich oben angekommen, blickte ich nach unten, unten, nach unten, und verspúrte den Drang, mich fallenzulassen. Zwei Tage zuvor harte ich diesen Zeitungsartikel gelesen. Dic Kletterstangen werden abgeschaftt. Sie werden aus Sicherheitsgrúinden demantiert. Was wiirde Marthias dazu sagen. Die Fallhóhe stelle ein nicht tragbares Risiko dar, stand in dem Artikel, Hátten die nicht friher drauf kommen kónnen? So vor ungefibr zwanzig Jahren? Meine Kindheit wire eine glúcklichere gewesen. Vor sieben Tagen, am Weihnachtstag, war ich púnkelich um neun an der Kasse. Wieder war ich die erste Besuche- rin. Bevor ich der Versuchung nachgab, im Restaurant gegenúber einen Kaffcc zu trinken, kaufte ich fi záhlten 22 Franken cinc Eintrittskarte. Ich stand vor nicht, die Tir zu óffnen und in die Dunkelheit einzutre- ten. Ein Tierpfle : die abge- der Glastiir des Exotariums. Ich schaftte es r mit einer leeren Schubkarre bewegte sich auf mich zu. Ich nahm mir vor, ihn nach dem Weg zum Krokodil zu fragen, aber ich tar cs nicht. Ich lief ihn an mir vorbeigchen. Ich starrie aul seine sel wWarzen Gummistiefel und wunderte mich, dalí seine Schritte lautlos waren. Ich folgte den Stiefeln. Sie gingen um das Gebáude herum und eine Asphaltrampe hoch. Die Sticfel verschwanden durch eine Túr. Exorarisa, stand auch auf 67 dieser Túr. Ich wartete einen Moment und berrachtete die Piktogramme. Zwischen cinem Fisch und einer Schlange erkannte ich das Krokodil. Ich óffnete die Tíir und trar in cinen Raum, der eine Glasdecke hatre, durch die Tagesliche drang. Der Pfleger war verschwunden. Es war schwúl und roch modrig. Ich bewegte mich an Terrarien vorbei einer Treppe entgegen. Ich warf fliichtige Blicke in die Terrarien, aber ich sah kein cinziges Tier. Nur Pflanzen. Tropische Gewiáchse, wie mir schien. Ich. erschrak, als sich in einer Nische neben der Treppe ewwas bewegre. Fine grauhaarige Frau auf einem Cam- pingstuhl. Sie hielt einen riesigen Zeichenblock auf den Knien und fiihrte mit der Rechten einen Pinscl. Dabei starrte sie unverwande auf ein Terrarium mic Scbling- pflanzen und láchelte merkwiirdig. Sie war verrieft in ihre Malerei und beachtctc mich nicht. Ich fragte mich, wie sie hierher gelangt war. Der Zoo hatre gerade erst geóffnet, und aufer mir war beim Eingang, kein Besucher zu sehen gewesen. Die Treppe fúhrte mich nach unten, in cinen keineren Raum, der von Neonróhren beleuchtct war. Auch hier konnte ich kein “lier hinter den Scheiben erkennen. Ich orientierte mich an den Schildern. Grióner Leguan, Aga- lróte, Netapython, Tamuzapfenechse, Paraguay Anakonda, Bindemvaran, und endlich: Siam Krokodil. Ein kleines ver- glastes Bassin aus braunen Felsquadern. Und, tarsáchlich, ganz hinten im Bassin, weit entfernt von der Zuschaucr- scheibe, lag ein Krokodil, abgewandt, braun wic der Fels, reglos. Es schwebte im Wasser. Ein Teil des Kopfes ragre iiber die Wasseroberfliche. Ich stand vor der Scheibe und wartete auf cine Erinncrung, cinc Ahmung oder ein Gefúhl, aber nichts geschah. Tch kannte mich nicht einmal fir das Krolkodil, oder fiir das, was ich von ihm sehen konnte, 68 intercssieren, Ich glotzte diesen braunen, schwebenden Klunpen ungeriibre und ratlos an. Dann wandre ich mich ab und ging denselben Weg zuriicl ins Preie, um nicht durch den dunklen Raum mit den Aquarien und den Erinnerungen gehen zu miissen. Ich hatte mir vorgenommen, mich diesmal nicht von meinen Erinnerungen einholen zu lassen. Ich harte mir vorgenom- men, nach vorne zu schauen, an den Briefeschreiber zu denlcen, an unser mógliches Treffen; nicht an die Lebrerin, nicht an damals. Es schneite leicht, als ich ins Ercie trat. Wens schneit beim Krokodil, dachte ich. Wiirde cs am 1. Januar schneien. Wiirde ich um neun beim Krakodil sein. Wiirde der ano- nyme Verfasser da sein. Ich bin sicher dort, stand in seinem Bricf Den Weg zum Kamel fand ich, ohne das Faltblart zu be- achren. Als kenntc ich den Weg, als sei ich ¡hn schon cdi- che Male gegangen. Ich schrice voran und wunderte mich nicht, als ich ein Kamel sah. Hier bin ich, dachte ich nur. Ich záhlte fúinf Kamele im Gchcge, in unterschiedlichen Grófen, die sich um einen Haulen Gestrúpp versammelt hatten und im Liegen Blátrer kauten. Fiir cinen Moment spúrte ich das uferlose Nichts, als mein Blick auf den groffen Stcin neben dem Gehege fiel. Eher Felsbrocken als Stein. Einc Sitzgelegenheir. Zwei erwachsenc Hintern kónnten auf dem Stein Platrz finden, dicht beieinander vielleicht, aber dennoch. Das war der Stein, das muÑite er scin. Sie hacren ihn irgendwann in den lerzten 2wanzig Jah- ren vom Eingang weggeschaíli und hierher getragen. Oder gefahren. Oder gehievr. Eine Gestalt kam mir entgegen. Der Píleger mit der Schubkarre. Der Píleger mit den Gummisticfeln. Ich 69 raumy ein Traum eben, sagte ich mir. Aberich konnte mich von den Bildern und dem bitreren Gefiibl nicht befteien, Leben, und lieben, hórte ich ihn immer wieder sagen, den Mann, in den ich einmal verliebt war. Meine Murter klopfte an. Ich antwortete nicht, Bist du wach, fragte sie und klopíte erncut. Ich antwortete nicht. 33 Namen. 33 Menschen, mánnliche Menschen, die ich einmal kannte; als ich noch in diesem Zimmer wohnte und in diesem Be triumte. 33 Namen, mit denen ich kind- liche oder jugendliche Gesichter verbinde. 33 Gesichter, die ich heute wahurschcinlich nicht mehr erkennen wirde. 33 Menschen, an die ich nie dachtc, jahrclang nicht, weil sie in meinem Leben keine Rolle spielen. 33 Miinncer, die mich einmal kannten, die meinen Namen vielleicht noch kennen, mein Gesicht hingegen nicht mehr, mein jetziges Gesicht. Wahrscheinlich. Ich war mir von Anfang an sicher, dal der Absender ein Mann war. Ich hatte kurz versucht, mich auf Frauen zu konzentrieren, aber meine Phantasic spielte nicht mic. Mir fiel gar kein weibliches Wesen ein. Kein cinziger Frauen- name, kein einziges Mádchengesicht, keine ehemaligo Schulfreundin, keine Konkurrentin, nichts und niemand. Frauen bleiben mir nicht in Erinnerung, das wurde mir be- wulit. AuBer der Lehrerin, Und auch sie hatte ich jahrelang vergessen, auch sic kam erst vor fúnf Tagen zuriick. Der Stein des Ánstofies, dachte ich. Meine Mutter klopfte schon wieder. Hier spricht deine Mutter, rief sie lustig, evinnerst du dich noch an mich? Nein, riefich zuriick, ¿ch schlafe. Tief! Und frei von Erinme- rungen! Meine Mutter lachte, aber ich wubte, dai sie enttiuscht 72 war. Sie hatre sich Weihnachtcn mit mir anders vorge- stelle. Geh weg, bat icl innerlich. Vor fiinf Tagen konnte ich nicht verschlafen, weil ich gar nicht ersr cinschlief. Ich war nicht múide. Ich hatre den ganzen Tag im Bert verbracht, meiner schlechten Laune nachgefúble, gedóst und auf den Abend gewarter. Als es endlich Nacht wurde, war ich hellwach. Ich: lag im Dunkeln und sah den Leuchizeigern des Wek- kers zu, wie sie sich zuckend rechtsherum bewegten, wieder und wieder. Fin paarmal stand ich auf und unter suchre den Inhalt des Kiihlsclranks. Bis ich ¡hn auswendig kannte. Oline erwas herauszunchmen, legte ich mich wie- der hin und sagte ihn mir vor. Tch ging die Fácher durch. Cornichons. Camembert. Créme fraiche, Meine Gánge in die Kiiche verrichtete ich lautlos, heimlich. Meine Murrer sollce nicht bemerken, dal ich auf war. Tch dachte an die vielen Niichte, die ich in diesem Betr verbracht habe. Viele ebenso schlaflos wie diesc. Andere voll van Tráumen. Unendlich vicle Triume, von denen ich keinen einzigen erinnere. Weit nach Mittag stand ich auf und duschte, bis das Was- ser kale wurde. Es diimmerte bereits, als ich meine 22 Franken bei der Kassendame gegen eine Eintrittskarte tauschte. Am Eingang lauerte die Erinnerung an die Lehrerin. ich ging schneller, um sie hinter mir zu lassen, aber sie beschleunigte ihre Schritte mit mir, ich konnte sie nicht 73 abhángen. Die Lehrerin verfolgte mich, wie ich sie damals, an jenem Frihlingstag, als ich sie erschlagen wollte. Sie hing mir an den Fersen, wann immer ich mich umdrehte, war sie da, ich konntre sic sehen, ihr strenges Gesicht mit der sicilen Stirnfalte, ihre Augen, ihre schmalen Augen- brauen und die dicken geruschten Wimpern. Hór auf, hinter mir herzuschleichen, dachte ich, dann hórte ich sie sagen: Hor auf, hinter mir herzulaufen, ich rannte weiter und hátte beinahe das Kamelgehege iibersehen. Ich stopp- te, verschnaufte kurz und schlof die Augen. Als ich sie wieder ófinete und mich umdrelte, war die Lehrerin weg. Ich setzte mich auf den grofien Srein vor dem Gehege und glotzte die Kamele an. Einmal drehte ich mich um und sah einen Tierpflege hinten, der einen roten Plastikeimer schleppte. Es war nicht mein Pfleger. Das waren nicht die Gurnmisriefel, denen ich vor cinigen Tagen gefolgt war. Schade, dachte ich. Und wunderte mich einen Moment, dali ich schade dachte. Im náchsten Moment sah ich wieder die Stirnfalte der Lehrerin. von Eswas Schlimmes ist passiert, hórte ich den Schuldireleror sagen. Eines lages war sie nicht wicdergekommen, die Lehrerin. In den Náchten davor hatte ich meinen Mord an ibr getráumo. lm Traum harre ich es endlich getan. Ich haue der Lehrerin den Kopf eingeschlagen. Immer wieder. Ich hatre sie bel zugerichtet. Mit dem Gong trat state ihrer der Schuldirckuor is Klas- senzimmer, Etwas Schlimimnes ist passiert, sagte der Schul- direktor damals, Frau Liebmann ist im Spital, ein Unfall. Lch erinnere mich, dafi ich mich hinter meinem Pult duckte. Sie kam nie wieder, die Lehrerin. Als sie weg war, fieberte ich tagelang und schric in meinen 74 Iráumen. Davon erzáhlt meine Mutter heute noch, von den schlimmen Fiebertagen damals. Aus heiterem Iimimnel, sagt meine Mutter, wenn sic von jenen Tagen erzáhlr. Dann war alles gur. Das Fieber war weg; SIE war weg, und ich bedankre mich beim lieben Gott und vergal sie, die Lehrerin. Erledigt. Ich vergaf sie, jahrelang hatte ich sic vergessen. Sie war weg. Sie war weg gewesen. Geh weg, dachte ich 2uf meinem Stein sitzend. Fin kleiner Junge stand ncben mir, er war ganz auber Atem. Seine Fltern kamen niher. Cosímo, langsam! rief seine Mutter. Der de ist der Chef sagte der kleine Junge im Dialekt meiner Meimatstadr. Er zeigte auf cin Kamel und sah mich an. Ich reagierte nicht. Nein, der, der da ist der Chef; sagte der Junge und zeigre auf ein anderes Kamel. Seine Eltern hatten ihn eingeholt. Der da, das ist der Chef; sagre er triumphierend zu scinen Eltern. Ich hatte grofe Lust, den Jungen anzufauchen. Laf mich in Ruhe mit deinen Chefs, du kleiner Idiot, hátte ich gerne in breitem Dialekt gefaucht. Seine Mutter streichelte ihr úber den Kopf. Die haben so lustigo Gesichter, hom, Cosimma, sagte sic. Sie war nicht von hier. Sie versuchte den Dialekr nachzu- ahmen, aber sie scheiterte bei jeder Silbe. Ich erhob mich von meinem Stein und ging. Heimar kann man nicht hei- raten, und Cosimo ist cin ckelhafter Name, hárte ich sonst womóglich gesagr. Also ging ich. Ich ging, ohne zu wissen, wohin. Vor vier Tagen sal ich im Restaurant gegenúber und studierte die Speisekarte. Ich hatte es aufgegeben, den Eingang zu observieren. Es war grau und nieselte; die Zoo- 75