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Chemnitz.) Clusterstrategien als neues Paradigma der Wirtschaftsförderung in. Sachsen. 1 Wirtschaftsförderung im Wandel. Die Aufgaben der Wirtschaftspolitik und ...
Art: Mitschriften
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Tschechien - zwischen Konkurrenz und Zusammenarbeit aus geographischer Sicht. (= Beiträge zur Kommunal- und Regionalentwicklung, 44). Chemnitz.)
Die Aufgaben der Wirtschaftspolitik und -förderung in Ostdeutschland waren bis in die 1990er Jahre hinein geprägt durch die Bereitstellung von Gewerbeflächen und die Unterstützung ansiedlungswilliger Betriebe. Inzwischen haben sich das Aufgabenspektrum, aber auch die maßgeblichen Akteure vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen deutlich erweitert. Abnehmende Ansiedlungsdynamik, wirtschaftlicher und unternehmerischer Strukturwandel, die zunehmende Bedeutung von Innovationen und Wissen sowie die Abnahme der Gestaltungs- und Steuerungsmöglichkeiten des Staates führen dazu, dass klassische Strategien der Wirtschaftspolitik, die vor allem angebotsorientiert sind (z.B. Bereitstellung von Gewerbeflächen und Fördermitteln), sich als immer weniger wirksam erweisen um die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig positiv zu entwickeln (vgl. Beckord, Jurczek 2004).
Das Paradigma der Wirtschaftsförderung hat sich verändert. Das Ziel der Wirtschaftsförderung besteht immer weniger darin neue Betriebe anzusiedeln, sondern setzt verstärkt auf die Pflege und Vernetzung bereits angesiedelter und bestehender Betriebe. Stadt- und Regionalmarketing, Innovationsförderung, Netzwerkbildung, Finanzierungs- und Gründerberatung stellen heute bedeutende Aufgabenfelder dar, die längst nicht mehr ausschließlich durch kommunale Institutionen wahrgenommen werden (können). Neben den kommunalen Wirtschaftsförderungen entstehen neue Institutionen und Akteure außerhalb der staatlichen Sphäre, deren Einfluss auf die Förderung und Entwicklung der lokalen und regionalen Wirtschaftsstruktur zunehmend bedeutender wird. Folglich ist für die Wirtschaftsförderung eine stark differenzierte Akteursstruktur entstanden, die unter anderem durch divergierende Grundinteressen (z.B. Gewerkschaften vs. Arbeitgeberverbände) oder konkurrierende Steuerungsansprüche (Landesregierung vs. Kommunen) gekennzeichnet ist. Letztlich vereint die Interessen jedoch ein gemeinsames Ziel: die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes und damit verbunden den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Eine diesen Rahmenbedingungen und Akteurs- und Aufgabenvielfalt angepasste Strategie muss daher folgende Ziele vorrangig erreichen:
Abbildung 1: Aktuelle Situation und zukünftige Anforderungen an die Wirtschaftsförderung
Zur Erreichung der ökonomischen Ziele kursieren zurzeit eine Vielzahl von wirtschaftpolitischen Strategien und Instrumenten. Förderung von Wachstumskernen bzw. Wachstumspolen und sog. Leuchttürmen – einer Strategie die vor allem mit der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur verfolgt wird – oder die Förderung von Wachstumsregionen , also die Konzentration der Förderung auf ausgewählte Räume sowie die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, in denen besondere rechtliche und fiskalische Regelungen gelten, sind nur wenige der für Ostdeutschland diskutierten Strategieansätze (vgl.
Verflechtungen darstellen. Um diese nachzuweisen sind umfangreiche Untersuchungsschritte notwendig (vgl. Krätke, Scheuplein 2001).
Cluster leben von Austauschprozessen zwischen den Akteuren und Institutionen. Diese „funktionalen Beziehungen von Produktionsclustern können der amtlichen Statistik nicht unmittelbar entnommen werden“ (Ossenkopf, Lo, Eggers et al, S. 24). Diese kann lediglich erste Anhaltspunkte über die Konzentration von Branchen im Raum liefern und stellt damit einen ersten Schritt zur Analyse der Clusterstrukturen dar. Zur tatsächlichen Identifikation sind Befragungen notwendig, um Informationen über die Verflechtungsbeziehungen theoretisch erfassen könnten. Diese sind teuer und erfordern sehr detaillierte Informationen von den Unternehmen (vgl. Barjak 2004, S. 10).
Sollen Cluster gezielt gefördert und entwickelt werden ergeben sich weitere institutionelle Anforderungen. Eine auf Cluster konzentrierte Förderungs- und Entwicklungsstrategie setzt zum einen die Kenntnis über die Entstehung und Wirkungszusammenhänge des Cluster voraus. Zum anderen erfordern clusterbasierte Entwicklungsstrategien eine langfristige Konzentration der Anstrengungen auf einige wenige mit dem Cluster verbundenen Branchen und Institutionen. Dies setzt den politisch Willen der Verantwortungsträger voraus. Drittens müssen die relevanten Akteure die Bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit aufweisen.
Im Folgenden sollen einige dieser Voraussetzungen am Fallbeispiel der Förderung der Automobilindustrie in Sachsen näher betrachtet werden.
Eine der Leitbranchen Sachsens, die in einigen Teilregionen bereits Clusterstrukturen ausgebildet hat, ist die Automobilindustrie. Neben den OEM (Original Equipment Manufacturer) Volkswagen (Zwickau, Chemnitz, Dresden), BMW und Porsche (beide Leipzig) haben sich im regionalen Umfeld zahlreiche Zulieferunternehmen etabliert, die in die Wertschöpfungsketten der Automobilindustrie eingebunden sind. Regionale KMU nehmen hier jedoch eher die Rolle von Teilelieferanten ein, während die großen Systemzulieferer sich aus international tätigen Unternehmen (z.B. Bosch, Takata) rekrutieren, die Zweigbetriebe mit geringer Verankerung in der Region unterhalten.
Insgesamt sind ca. 60.000 Menschen in der Automobilindustrie und in den mit ihr verbundenen Branchen in Sachsen beschäftigt. Dies sind ca. 4,3 % der Gesamtbeschäftigten in Sachsen.
Tabelle 1: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Automotive-Cluster Sachsen
SV-Beschäftigte gesamt
SV-Beschäftigte im Automotive-Cluster
in %
SV-Beschäftigte in produktiven Branchen
in %
Sachsen 1.352.648 58.119 4,3 22242 1, Regierungsbezirk Chemnitz
Regierungsbezirk Dresden
Regierungsbezirk Leipzig
Quelle: Eigene Berechnung nach Landesarbeitsagentur Sachsen
Der größte Anteil der Beschäftigten entfällt auf den Regierungsbezirk Chemnitz. Abbildung 2 zeigt den Standortquotienten^1 der Beschäftigten in den produktiven Bereichen der Automobilindustrie (Produktion und Vorproduktion). Es wird deutlich, dass die Gemeinden mit einem hohen Standortquotienten in der Automobilindustrie sich auf die Region Chemnitz- Zwickau konzentrieren. Darüber hinaus existieren einige solitiäre Konzentrationen, die auf die starke lokale Bedeutung von Einzelunternehmen hindeuten (z.B. Takata in Elterlein, Al-ko in
(^1) Der Standortquotient misst die Bedeutung einer Branche in einer Gemeinde im Vergleich zum Gesamtraum (hier Sachsen). Ist er größer als 1 so hat die Branche in der Gemeinde eine höhere Bedeutung als im Landesdurchschnitt.
Abbildung 2: Standortquotient der Automotive-Kerngruppe
Zu den weiteren strukturellen Voraussetzungen der Clusterförderung zählt die Existenz von Wissens- und Forschungsinfrastruktur. Vor allem mit der Technischen Universität Chemnitz und der Westsächsischen Hochschule Zwickau stehen in Sachsen Forschungskapazitäten im Automobilbereich bereit, die Bausteine für die Entwicklung eines regionalen Innovationssystems darstellen können.
Insgesamt betrachtet existieren vor allem in der Region Chemnitz-Zwickau Potenziale zur Ausbildung eines Automobilcluster. Dennoch stellen sich diese Strukturen im Vergleich zu den westdeutschen Automobilstandorten als wesentlich weniger stark ausgeprägt dar. Kennzeichen für diese strukturelle Schwäche sind vor allem die sehr kleinteilige Struktur der sächsischen Automobilzulieferer, die geringe Eigenkapitaldecke, die geringe Innovationsdynamik (z.B. gemessen am Anteil der FuE-Beschäftigte in der Industrie oder den Patentanmeldungen) und die nach wie vor geringere Produktivität der Unternehmen in Sachsen.
Die oben bereits angedeutete Vielfalt der fördernden Akteure lässt sich am gewählten Fallbeispiel besonders gut demonstrieren. Neben den kommunalen Wirtschaftförderern mehrerer
Kreise, kreisfreier Städte und Gemeinden, existieren Initiativen der Industrie- und Handelskammern, der Wirtschaft, des Freistaates sowie intermediärer regionaler Akteure, deren gemeinsames Interesse in der Förderung und Entwicklung des Automotive Clusters besteht (vgl. Beckord 2006).
Abbildung 3: Initiativen und Akteure der Clusterentwicklung im Automobilbereich
Dennoch ist die Situation in der Wirtschaftsförderung geprägt durch einen Konkurrenzkampf auf Strategien der Wirtschaftsförderung durch Globalisierung und EU-Integration sowie durch mangelnde Koordination regionaler Wirtschaftsentwicklung. Hieraus ergeben sich zum Teil konkurrierende Steuerungsansprüche, Koordinationsprobleme sowie Aufgabenüberschneidungen zwischen den einzelnen Institutionen und Akteuren.
Cluster orientieren sich in den seltensten Fällen an Verwaltungsgrenzen, sie definieren ihren eigenen funktionalen Raum (vgl. Porter 1998, S. 79). Clusterstrategien implizieren somit geradezu eine überörtliche Betrachtung und Zusammenarbeit. Diese setzt den Willen und die Bereitschaft der entsprechenden Akteure voraus. Hier muss festgestellt werden, dass einige der bestehenden Initiativen in der Lage sind diese integrierende Kraft zu entfalten und sich damit die Chancen zur Entwicklung und Umsetzung einer integrativen Wirtschaftsförderungsstrategie erhöhen. Hervorzuheben sind diesbezüglich die vom Freistaat Sachsen initiierte Verbundinitiative Automobilzulieferindustrie (AMZ), das von der Wirtschaftsinitiative für
Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns. Der von Porter entwickelte Diamant lässt sich dabei als Analyseinstrument einsetzen, um die regionale Konfiguration der Wirtschaftsstruktur zu analysieren (vgl. Porter 1991, S. 151).
Ein weiteres Verdienst besteht in der Heraushebung der Bedeutung von räumlicher Nähe und regionaler Vernetzung. Damit werden Faktoren aufgegriffen, die zwar schon seit den 1920er Jahren aus den Arbeiten zu den Wirkungen von Agglomerationen von Marshall und Hoover bekannt sind, denen jedoch lange Zeit nicht die aus regionalwissenschaftlicher Sicht notwendige Beachtung geschenkt wurde. Somit trägt das Clusterkonzept dazu bei, die Bedeutung der Region als unternehmerisches Handlungsfeld zu stärken.
Große Bedeutung könnte der Leitbildwirkung des Clusterkonzeptes zu kommen. Damit könnte es einen Beitrag zur Überwindung von Kirchturmdenken und lokalen Einzelmaßnahmen leisten. Wie gezeigt wurde besteht durchaus eine Zielkongruenz zwischen den unterschiedlichen Akteuren. Letztlich verfolgen alle Akteure das Ziel die regionale Wirtschaft zu stärken und fortzuentwickeln. Damit können Clusterstrategien Leitbildfunktionen übernehmen. Somit könnten Synergieeffekte durch die Integration aller Akteure, Instrumente und Maßnahmen erreicht werden. Institutionen, die diese Integrationsarbeit leisten könnten existieren mit den oben dargestellten Organisationen (z.B. AMZ) bereits.
Dennoch muss festgehalten werden, dass es eine Reihe von Regionen gibt, die über keine Clusterpotenziale verfügen. Das Clusterkonzept eignet sich daher keinesfalls zur Ableitung einer gesamträumlich anzuwendenden Förderstrategie. Es bleibt ein partieller Ansatz, der nur unter bestimmten Voraussetzungen Erfolg verspricht. Ein zwanghaftes Festhalten am Leitbild der Clusterentwicklung für alle Teilräume Sachsens führt daher eher zu einer Fehlallokation von Fördermitteln und Ressourcen (vgl. Küpper; Röllinghoff 2005, S. 69).
Aber auch dort wo Clusterpotenziale vorhanden sind bleiben für die wirtschaftsfördernde Praxis noch einige Fragen offen, die hier nur ansatzweise skizziert werden sollen:
Eine befriedigende Antwort auf die zuletzt angerissenen Fragenkomplexe steht jedoch bisher aus.
BARJAK , F RANK (2004): Analyse der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit von Branchenclustern in der Schweiz - State of the Art. Solothurn. (Reihe A: DiscussionPaper DPW, 7).
BATHELT , H ARALD; M ALMBERG, A NDERS ; M ASKELL , PETER (2004): Clusters and knowledge: local buzz, global pipelines and the process of knowledge creation. In: Progress in Human Geography, Jg. 28, Nr. 1, S. 31–56.
BECKORD, CLAAS (2006): Hintergründe und Akteure von Clusterstrategien in der Wirtschaftsförderung, aufgezeigt am Fallbeispiel der Automobilindustrie Sachsens. Chemnitz. (Kommunal- und regionalwissenschaftliche Arbeitsergebnisse Online, ).
BECKORD, CLAAS ; J URCZEK, PETER (2004): "Beleuchtete Wiesen" oder "Blühende Landschaften"? Zum Stand der Gewerbeflächenentwicklung und -vermarktung in der Region Südwestsachsen. In: Standort - Zeitschrift für Angewandte Geographie, Jg. 28, Nr. 2, S. 58–65.
EUROPÄISCHE KOMMISSION (2003): Cluster von Clustern. In: Regionale Innovation in Europa, Nr. 5, S. 2.
GRABHER, G ERNOT (1993): The Weakness of Strong Ties: The Lock-in of Regional Development in the Ruhr Area. In: GRABHER, GERNOT [H RSG.]: The Embedded Firm. The Socio-economics of Industrial Networks. International Thomson Business Press, S. 255–278.
HEIDENREICH, M ARTIN; M ILJAK, VEDRANA (2004): Die Erneuerung regionaler Fähigkeiten. Clusterpolitik in Leipzig und Nürnberg. In: I NITIATIVE FÜR B ESCHÄFTIGUNG OWL; U NIVERSITÄT BIELEFELD; SURVEY; BERTELSMANN STIFTUNG [HRSG.]: Net´s work. Netzwerke und strategische Kooperationen in der Wirtschaft. Bielefeld.
KRÄTKE , S TEFAN ; SCHEUPLEIN, CHRISTOPH (2001): Produktionscluster in Ostdeutschland: Methoden der Identifizierung und Analyse. Hamburg.
KÜPPER, U TZ I NGO; RÖLLINGHOFF , STEFAN (2005): Clustermanagement: Anforderungen an Städte und regionale Netzwerke. In: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaft, Jg. 44, Nr. 1, S. 60–93.