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Der negative Utilitarismus verfolgt das. Ziel, den berechenbaren oder vermuteten Schaden der Handlungsmotive, Handlungsregeln oder der. Handlungskonsequenzen zu ...

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Der Utilitarismus
Wer sich mit Fragen der Zweckrationalität menschlicher Handlungen beschäftigt, wird erkennen, dass
nicht jedes Mittel auf gleiche Weise geeignet ist, ein Handlungsziel zu erreichen. Dennoch führte
diese Einsicht über Jahrhunderte hinweg nicht zu Versuchen wissenschaftlicher Bewertungsverfahren
der Handlungseffizienz. Die bekannte Redewendung, der Zweck heilige die Mittel, ein Ausspruch, der
unterschiedlichen Urhebern zugeschrieben wird, appelliert zwar an unser intuitives Wissen über die
Effizienz der jeweils eingesetzten Mittel; wir würden aber vor dem 19. Jahrhundert vergeblich nach
einer Nützlichkeitsanalyse menschlicher Handlungen oder eingesetzter technischer Hilfsmittel
suchen, obwohl bereits in der Antike von „Tüchtigkeit“ , „Tauglichkeit“ und auch von „Nützlichkeit“ 1
die Rede war. Das Argument, die Nützlichkeit einer Handlung sei immer schon ein Thema der Ethik
gewesen, ist deshalb teils richtig, teils jedoch beruht diese Auffassung auf einem Missverständnis.
Nützlich ist eine Handlung, im Verständnis der Philosophen der Antike, wenn sie zu Formen der
Perfektion führt, auch wenn diese Perfektion unter Umständen eine beträchtliche Einschränkung der
Lebensqualität bedeutet. Von einer „Tugend“ (ἀρετή / aret / Tauglichkeit / Tüchtigkeit), im Sinne
der griechisch-römischen Tugendlehren, sprechen wir, wenn jemand eine bestimmte Technik
beherrscht, um etwas Gutes herzustellen oder dieses Gute stets aufs Neue zu suchen.
Es mag uns heute rätselhaft erscheinen, wie die Suche nach dem Guten jemals als Selbstzweck
verstanden werden konnte, denn wir leben in einer Tradition der Ökonomisierung des Denkens und
Handelns und versuchen die uns gesetzten Ziele möglichst schnell und ohne unnötigen Aufwand zu
erreichen. Auch die Ethik ist heute überwiegend zu einer Dienstleistung, einer gesellschaftlichen
Service-Einrichtung geworden und muss ihre „Nützlichkeit“ im Dienst der Öffentlichkeit unter Beweis
stellen.
Es wäre aber schon aus methodischen Gründen nicht ratsam, dieses neuzeitliche Verständnis von
„Nützlichkeit“ auf Gesellschaften der Antike zu projizieren, denn wir würden dadurch die
Entwicklungsgeschichte des Begriffes der „Nützlichkeit“ ausklammern. Zum einen folgte aus der
frühen Verwendung des Begriffes „Nützlichkeit“ keine wissenschaftliche Gebrauchsanalyse dessen,
was - von Fall zu Fall - unter „Nützlichkeit“ zu verstehen war, zum anderen orientiert sich unser
heutiges Verständnis von „Nützlichkeit“ an ökonomischen Effekten einer Handlung und nicht an
Konzepten der Perfektion oder an einem Tun, das sich selbst genügt oder in einer Suchbewegung
nach einem höchsten Guten verbleibt.
Der Wandel des Begriffs „Nützlichkeit“
Auch wenn diese Instrumentalisierung der Ethik in einzelnen Fällen auch in der Antike der Fall
gewesen sein mag, ist dieses Denken in den uns überlieferten Texten jener Zeit die Ausnahme.
Richtig ist allerdings, dass auch diese Ausnahmen, also ein Denken in machtpolitischen und
ökonomischen Kategorien der „Nützlichkeit“, eine Entwicklungsgeschichte hat. Wir sprechen heute
gerne über Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften und sind durchaus willens
einzuräumen, dass diese Forschung keinem anderen Zweck dient als dem, um ihrer selbst willen
betrieben zu werden. Eine Ethik hingegen, die als Wissenschaft um ihrer selbst willen betrieben wird,
erscheint uns in Anbetracht zahlloser ungelöster gesellschaftlicher Probleme eher verfehlt zu sein.
Ethik wurde in der Geschichte der Philosophie erst sehr spät zu einer „Arbeit an ihrem Begriff“ und zu
einer Theorie der Beschreibungstechniken nützlicher Handlungen. In den Jahrhunderten zuvor lag
1 „Utilitas“ (ūtilitās) bedeutet Brauchbarkeit, Tauglichkeit, Nützlichkeit.
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Der Utilitarismus

Wer sich mit Fragen der Zweckrationalität menschlicher Handlungen beschäftigt, wird erkennen, dass nicht jedes Mittel auf gleiche Weise geeignet ist, ein Handlungsziel zu erreichen. Dennoch führte diese Einsicht über Jahrhunderte hinweg nicht zu Versuchen wissenschaftlicher Bewertungsverfahren der Handlungseffizienz. Die bekannte Redewendung, der Zweck heilige die Mittel, ein Ausspruch, der unterschiedlichen Urhebern zugeschrieben wird, appelliert zwar an unser intuitives Wissen über die Effizienz der jeweils eingesetzten Mittel; wir würden aber vor dem 19. Jahrhundert vergeblich nach einer Nützlichkeitsanalyse menschlicher Handlungen oder eingesetzter technischer Hilfsmittel suchen, obwohl bereits in der Antike von „Tüchtigkeit“ , „Tauglichkeit“ und auch von „Nützlichkeit“ 1 die Rede war. Das Argument, die Nützlichkeit einer Handlung sei immer schon ein Thema der Ethik gewesen, ist deshalb teils richtig, teils jedoch beruht diese Auffassung auf einem Missverständnis. Nützlich ist eine Handlung, im Verständnis der Philosophen der Antike, wenn sie zu Formen der Perfektion führt, auch wenn diese Perfektion unter Umständen eine beträchtliche Einschränkung der Lebensqualität bedeutet. Von einer „Tugend“ (ἀρετή / aretḗ / Tauglichkeit / Tüchtigkeit), im Sinne der griechisch-römischen Tugendlehren, sprechen wir, wenn jemand eine bestimmte Technik beherrscht, um etwas Gutes herzustellen oder dieses Gute stets aufs Neue zu suchen. Es mag uns heute rätselhaft erscheinen, wie die Suche nach dem Guten jemals als Selbstzweck verstanden werden konnte, denn wir leben in einer Tradition der Ökonomisierung des Denkens und Handelns und versuchen die uns gesetzten Ziele möglichst schnell und ohne unnötigen Aufwand zu erreichen. Auch die Ethik ist heute überwiegend zu einer Dienstleistung, einer gesellschaftlichen Service-Einrichtung geworden und muss ihre „Nützlichkeit“ im Dienst der Öffentlichkeit unter Beweis stellen. Es wäre aber schon aus methodischen Gründen nicht ratsam, dieses neuzeitliche Verständnis von „Nützlichkeit“ auf Gesellschaften der Antike zu projizieren, denn wir würden dadurch die Entwicklungsgeschichte des Begriffes der „Nützlichkeit“ ausklammern. Zum einen folgte aus der frühen Verwendung des Begriffes „Nützlichkeit“ keine wissenschaftliche Gebrauchsanalyse dessen, was - von Fall zu Fall - unter „Nützlichkeit“ zu verstehen war, zum anderen orientiert sich unser heutiges Verständnis von „Nützlichkeit“ an ökonomischen Effekten einer Handlung und nicht an Konzepten der Perfektion oder an einem Tun, das sich selbst genügt oder in einer Suchbewegung nach einem höchsten Guten verbleibt.

Der Wandel des Begriffs „Nützlichkeit“

Auch wenn diese Instrumentalisierung der Ethik in einzelnen Fällen auch in der Antike der Fall gewesen sein mag, ist dieses Denken in den uns überlieferten Texten jener Zeit die Ausnahme. Richtig ist allerdings, dass auch diese Ausnahmen, also ein Denken in machtpolitischen und ökonomischen Kategorien der „Nützlichkeit“, eine Entwicklungsgeschichte hat. Wir sprechen heute gerne über Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften und sind durchaus willens einzuräumen, dass diese Forschung keinem anderen Zweck dient als dem, um ihrer selbst willen betrieben zu werden. Eine Ethik hingegen, die als Wissenschaft um ihrer selbst willen betrieben wird, erscheint uns in Anbetracht zahlloser ungelöster gesellschaftlicher Probleme eher verfehlt zu sein. Ethik wurde in der Geschichte der Philosophie erst sehr spät zu einer „Arbeit an ihrem Begriff“ und zu einer Theorie der Beschreibungstechniken nützlicher Handlungen. In den Jahrhunderten zuvor lag

1 „Utilitas“ (ūtilitās) bedeutet Brauchbarkeit, Tauglichkeit, Nützlichkeit.

der Schwerpunkt der Beschäftigung mit Ethik zwar nicht immer in einer Tätigkeit, die um ihrer selbst willen gepflegt wurde, er verlagerte sich aber auch nicht in Richtung einer Disziplin der zu bewertenden Nützlichkeitseffekte 2. Als Voraussetzungsbedingung einer sittlichen Handlung kann deren Nützlichkeit nicht in ihrer vermeintlichen Effizienz bewertet werden, denn es ist einer Handlung wesentlich, dass sie eine zielgerichtete Handlung und für Menschen unverzichtbar ist. Die Beherrschung einer Handlungstechnik zeigt sich für die Menschen der griechischen oder römischen Antike nicht in der Nützlichkeitsbewertung der Handlungsfolgen, sondern in der Fähigkeit, grundlegend über das Handeln als solches nachzudenken. Beispielsweise hätte ein Stoiker nicht nachvollziehen können, inwiefern die Einübung in stoische Tugenden für ihn „nützlich“ wäre, denn die von ihm erstrebte Seelenruhe ist nicht Mittel zu einem Zweck, der seinerseits wiederum Mittel zu Realisierung eines anderen Zwecks wäre. Weil Reichtum, Schönheit und Gesundheit für die stoische Ethik bedeutungslos sind (Æ Ethik der Stoa), konnten quantitative oder qualitative „Nützlichkeitseffekte“ keinen Beitrag zum Verständnis der stoischen Handlungspraxis liefern. Insbesondere am konsequenzialistischen Utilitarismus des 19. Jahrhunderts lässt sich zeigen, dass mit ihm ein neues Konzept auftaucht, nämlich ein ökonomisches Effizienz-Ideal. Doch ein solches Handlungsideal konnte in einer Gesellschaft, für die Wohlstand und Reichtum keine ethisch leitenden Handlungsziele waren, kein zentrales Thema einer Ethik sein. In der Ideengeschichte steht der Utilitarismus für etwas, das nur aus einer historisch-perspektivischen Täuschung als etwas „immer schon“ bekannt Gewesenes erscheinen mag.

„Nützlichkeit“ im Utilitarismus

In der zeitgenössischen Ethik können Nützlichkeitseffekte auf folgende Weise beschrieben werden: Entweder (a) ist eine bereits abgeschlossene Handlung nützlich oder aber (b) eine Handlung ist nützlich, weil das Handlungsziel in der Zukunft liegt. In beiden Fällen wird mit einem Nützlichkeitsbegriff gearbeitet, dessen nicht offenkundige Probleme im Folgenden (aber auch im Kapitel über Verantwortungsethik) näher zu beschreiben sein werden. Versuchen wir unser heutiges Verständnis von Nützlichkeit in einer vorläufigen Arbeitsdefinition etwas präziser zu fassen:

Der Begriff der Nützlichkeit beschreibt das Verhältnis der Effizienz der eingesetzten Handlungsmittel oder Handlungsregeln in ihrem Verhältnis zu den erzielten Handlungswirkungen oder Handlungsfolgen.

In dieser Arbeitsdefinition ist die Nützlichkeit einer Handlung etwas, das beschrieben, nicht aber bewertet wird. Etwas zu beschreiben, nicht aber zu bewerten, ist Aufgabe der sogenannten deskriptiven Ethik (Æ Einleitung). Nützlichkeitseffekte zu beschreiben ist nicht Aufgabe einer normativen Ethik. Anders gesagt: Fragen der Nützlichkeit können unabhängig von Fragen der Ethik untersucht werden. Wir erkennen diese deskriptive Funktion des Utilitarismus auch daran, dass Nützlichkeits-Theorien in den Wirtschaftswissenschaften beschrieben und weiterentwickelt werden. Um beispielsweise die Effizienz von Produktionsprozessen zu beschreiben, bedarf es keiner ethischen Bewertung dessen, was produziert wird. „Nützlich“ ist etwas im Rahmen eines Herstellungsverfahrens auch dann, wenn sich die Frage seiner ethischen Bewertung möglicherweise gar nicht stellt. Wären Fragen der Nützlichkeit zugleich auch Fragen der Ethik, dann wäre alles, was

2 Von hier aus betrachtet wird auch verständlicher, warum viele der sokratisch-platonischen Dialoge ein sich selbst problematisierendes Denken vermitteln, nicht aber Problemlösungen (Æ Sokrates, ÆPlaton).

weil neuerlich gewisse Beschreibungskonventionen und damit Regeln und Normen in unsere Beschreibungen eingreifen. Die Regel, die es uns erlaubt, den morgigen Sonnenaufgang vorauszusagen, ist auch die Regel, die es erlaubt, Naturgesetze nicht nur als Beschreibungen vergangener Ereignisse zu betrachten. Beschreibungen sind immer dann normativ, wenn sie durch alltägliche oder wissenschaftliche Konventionen geregelt sind. Deshalb arbeitet jede utilitaristische Ethik mit sowohl deskriptiven als auch präskriptiven Aussagen. Diese Doppelfunktion unserer Beschreibungen, nämlich sowohl deskriptiv als auch präskriptiv zu sein, macht den Utilitarismus u.a. sowohl für die Wirtschaftswissenschaften als auch für die normative Ethik interessant (Æ Einleitung). Obwohl es also zutreffend ist, dass der Utilitarismus z.B. in den Wirtschaftswissenschaften Deskriptionen dessen vermittelt, was ökonomisch geschieht, ist er andererseits auch geeignet Handlungsnormen zu vermitteln und das macht ihn zu einer Disziplin der Ethik.

Formen des Utilitarismus

In Bezug worauf also sagen wir, etwas sei „nützlich“? Die Fragestellung ist zu komplex, um mit ihr in dieser Form philosophisch arbeiten zu können. Ein wesentlicher Fortschritt wurde in der Diskussion über den Utilitarismus bereits dadurch erreicht, dass grob genommen vier Formen von Nützlichkeit identifiziert wurden: Der Präferenzutilitarismus, der Regelutilitarismus, der Konsequenzialismus und der negative Utilitarismus. Der Präferenzutilitarismus geht der Frage nach, wie unser Wünschen und Meiden zu beschreiben und zu erforschen ist. Der Regelutilitarismus untersucht die Handlungsregeln, unabhängig von den Präferenzen und Konsequenzen unseres Handelns. Der Konsequenzialismus untersucht Effekte, die durch das Erreichen des Handlungsziels, durch Nebeneffekte oder durch Fernwirkungen unseres Handelns ausgelöst werden. Schließlich wäre der negative Utilitarismus zu skizzieren, dessen Forschungsgebiet die Schadensminimierung oder Schadensvermeidung ist. Im Zusammenhang mit der Diskussion globaler und teils irreversibler ökologische, Prozesse hat diese Form des Utilitarismus in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Der Präferenzutilitarismus

Unsere Absichten werden oft im Diskurs mit anderen Personen besprochen, erwogen, erweitert oder vielleicht auch verworfen. Hier mag sich die Vermutung einstellen, die Erforschung unserer Präferenzen informierten uns und andere Personen auch über das, was uns nützlich erscheint. Ob uns jedoch Präferenzen (bzw. unsere Neigungen, Vorlieben, Wertschätzungen) darüber informieren, was für uns nützlich ist, lässt sich nicht allein durch deren Artikulation klären. Präferenzen ändern sich häufig, durchlaufen unterschiedliche Bildungs- und Reflexionsebenen, sind das Produkt der Übernahme von Konventionen und erinnern uns gelegentlich auch an unsere Sozialisierungsgeschichte. Wir entwickeln häufig für etwas Präferenzen, ohne es tatsächlich anzustreben, andernfalls wären wir unseren Wünschen völlig ausgeliefert. Beispielsweise dürfte es nachvollziehbare Gründe dafür geben, dass wir Präferenzen entwickeln wie wir leben wollen, unabhängig davon, ob das für uns auch tatsächlich mit Vorteilen verbunden ist. Für eben diese Präferenz interessieren sich auch und aus ganz anderen Gründen z.B. Industrie und Politik. Die Nützlichkeit unserer Präferenzen liegt also noch nicht allein darin, diese Präferenzen – gewollt oder ungewollt – einfach nur zu kommunizieren. Es ist auch offenkundig, dass etwas nicht schon deshalb für uns „nützlich“ sein muss, weil wir es uns wünschen. Subjektive Präferenzen und objektiver Nutzen konvergieren nicht automatisch. Präferenzen sind für uns nur dann Ausdruck unserer lebensfördernden Interessen, wenn sie zuvor von uns eingeordnet und bewertet wurden. Das zumindest unterscheidet einen reflektierenden

Erwachsenen von einem Kind, das in einem gewissen Alter seinen Präferenzen hilflos ausgeliefert ist. Präferenzen sind also nicht mit vernünftigen Handlungsabsichten zu verwechseln. Natürlich werden Menschen ihre Präferenzen in der Regel damit begründen, dass diese für sie nützlich sind, weil sie zu Handlungen führen, die diese Präferenzen befriedigen oder ihnen zumindest entgegenkommen. Aber auch in diesem Fall liegt zwischen den Handlungspräferenzen und einer vollzogenen Handlung deren vernünftige Bewertung. Es ist ein Teil unserer Handlungslogik, über gewisse Präferenzen nachzudenken und sie gleichsam nach ihrer Dringlichkeit und Bedeutsamkeit für uns und andere Menschen laufend zu priorisieren und neu zu ordnen, sei es auch nur dadurch, dass wir unseren Tagesablauf planen. Mit anderen Worten: Wir unterziehen unsere Präferenzen in der Regel einer rationalen Bewertung, bevor wir sie zu Elementen unserer Handlungsabsichten machen. Stellen wir einige der Vor- und Nachteile der Präferenzethik einander gegenüber:

Stärken des Präferenzutilitarismus

  • Präferenzen rücken unsere unmittelbaren Empfindungen und Neigungen ins Zentrum der Ethik und lassen aus dieser Perspektive die Stärken und Schwächen jener Theorien besser erkennen, die diese Präferenzen als leitende Prinzipien einer Nützlichkeitsethik zumeist ausblenden.
  • Weil insbesondere höhere Säugetiere durch ihr Verhaltensrepertoire mitteilen, was für sie nützlich oder schädlich ist, war es naheliegend, das natürliche Ausdrucksverhalten von Lebewesen zum Gegenstand einer empirischen Ethik zu machen. Der Präferenzutilitarismus bewertet auch die Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Einwirkungen menschlicher Handlungen auf Tiere. Ohne den Präferenzutilitarismus wäre es kaum gelungen, die klassischen Disziplinen der Ethik durch Tierethiken zu erweitern. In ähnlicher Richtung bewegte sich in den 1950er Jahren auch die Vergleichende Verhaltensforschung^3.
  • Der Präferenzutilitarismus steht in unmittelbarer Verbindung zum sogenannten Behaviorismus, der ebenfalls in den 1950er Jahren damit begann, Stimulus-response-Muster bzw. Reiz-Reaktions-Muster im Verhältnis der Organismen zu ihrer Umwelt zu erforschen und Theorien der Ethik durch behavioristische Methoden zu ergänzen.

Schwächen des Präferenzutilitarismus

  • Präferenzen sind nicht nur Bekundungen von Empfindungen oder Gefühlen; sie sind immer auch reaktive Mittteilungen auf auslösende Lust-und Unlustempfindungen. In sogenannten konditionierten Handlungen lassen sich Reiz-Reaktionsmuster unter kontrollierten Bedingungen herstellen. Bedingungen, die in der Regel keiner ethischen Bewertung unterzogen werden.
  • Wenn nur das durch Lust- und Unlustempfindungen ausgelöste Ausdrucksverhalten bewertet wird, nicht aber das Bewertungsverhalten jener, die Präferenz-Verhalten beschreiben, dann besteht die Gefahr, das Verhaltensinterpretationen dogmatisch verkündet, nicht aber kritisch geprüft werden.
  • Präferenzen sind bei weitem nicht immer nützlich. Sie wären nur dann erkennbar nützlich, wenn wir unsere innersten Bedürfnisse und Interessen gleichsam wie ein aufgeschlagenes Buch lesen könnten. Die Frage der Authentizität unserer Präferenzen ist nicht allein durch unser Ausdrucksverhalten zu klären, weil dieses Verhalten auch durch Sozialisation, Konventionen und kulturelle Traditionen bestimmt ist.

3 Z.B. durch die Studien zur Vergleichenden Verhaltensforschung von Konrad Lorenz (1903-1989)

Maschine beschreiben. Ein Beispiel: Regelsysteme z.B. in automatisierten Navigationssystemen können, je nach Vorauswahl des Anwenders, die Start-Ziel-Verbindungen im Straßennetz unterschiedlich berechnen. Ist es nützlicher, möglichst schnell und nicht möglichst sparsam ein Ziel zu erreichen, wird die Software Schnellstraßen und Autobahnen in der Wegfindung eher berücksichtigen als Landstraßen. Dennoch werden hier weder die Motive zur Auswahl des Reiseziels untersucht noch werden die Folgen einer Reise oder ihre weiteren Wirkungen untersucht. Im Zentrum des Interesses steht allein die Nützlichkeit eines algorithmisch gesteuerten Navigationsgerätes. John Stewart Mill (1806-1873) gilt als jener Ethiker, der den Regelutilitarismus begründete, weil er die Nützlichkeit einer Handlung nicht allein in quantitativen, sondern wesentlich in qualitativen Merkmalen einer Handlung suchte. Qualitative Nützlichkeitseffekte orientieren sich z.B. daran, dass die Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft gemeinsam in der Lage sind, die für sie höchsten Ziele in Verfassungen oder vergleichbaren Dokumenten festzulegen. Populär wurde Mills Ausspruch: "It is better to be a human being dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. 5 ”

Stärken des Regelutilitarismus

  • Der Regelutilitarismus erlaubt die Beschreibung der Funktionsweise von Regeln und ihrer praktischen Anwendung und ermöglicht die Optimierung von Handlungsprozessen, ohne die Handlungsabsichten oder die Fernwirkungen einer Handlung beschreiben zu müssen. Im Rahmen von spieltheoretischen Untersuchungen und digitalen Verhaltenssimulationen lassen sich Handlungsregeln ermitteln, die qualitativ und quantitativ effizienter sind als Handlungen, deren Funktionsweise nicht analysiert und deshalb auch nicht optimiert werden konnte.
  • Der Regelutilitarismus erlaubt die Beschreibung der Veränderung von Handlungseffekten in wiederholten Spielen. Wiederholte Spiele erzeugen z.B. Handlungskonventionen und dadurch vertrauensbildende Effekte.
  • Formen des Regelutilitarismus finden wir in Tit-for-Tat Klugheitsregeln 6 überall im Wortschatz der Alltagssprache: „Wie du mir, so ich dir!“, „Wenn jeder anderen helfen wollte, wäre allen geholfen“.

Schwächen des Regelutilitarismus

  • Der Regelutilitarismus überspringt die Frage der Anerkennung von Handlungsmotiven ebenso wie das Problem der Verantwortung für die Fernwirkungen einer Handlung, also für jene Wirkungen einer Handlung, die sich erst einstellen, nachdem das Handlungsziel bereits erreicht wurde.
  • Der Regelutilitarismus übersieht die Handlungseffekte, die durch Zufälle entstehen oder zu weiteren Zufallsereignissen führen.
  • Der Regelutilitarismus setzt voraus, dass Regeln zu Handlungskonventionen führen oder aus diesen abgeleitet werden können. Tatsächlich jedoch wurde bis heute noch nie der Versuch unternommen, ein umfassendes, geschweige denn ein vollständiges Regelverzeichnis für regelgeleitete Alltagskonventionen zu erstellen.

5 Vgl. John Stuart Mill, in: Utilitarism, 1863, Chapter 2. 6 „Tit for Tat“: Gleiches wird mit Gleichem vergolten.

Der Konsequenzialismus

Wie auch der Regelutilitarismus ist der Konsequenzialismus ein Handlungsutilitarismus. Er versucht die Nützlichkeit einer Handlung an ihren bereits eingetretenen oder wahrscheinlichen Konsequenzen zu messen. Nicht die Präferenzen, nicht die Handlungsregeln, sondern allein die erwarteten Wirkungen einer Handlung sollen im Konsequenzialismus über ihre Nützlichkeit entscheiden. Weil die Konsequenzen eines Handlungsziels in der Zukunft liegen, wird in dieser Variante des Utilitarismus das Erreichen eines Handlungsziels über dessen fiktive Vorwegnahme zu skizzieren versucht. Was aber sind die Konsequenzen einer Handlung? Welchen Nutzen hatten die eingesetzten Mittel für das Erreichen eines Handlungsziels und welche Folgen hat das Erreichen des Handlungsziels für die weiteren Planungen und Entscheidungen? Beide Fragen beziehen sich auf die Neben- und Folgewirkungen einer Handlung. Auf den ersten Blick mag die Frage nach den möglichen Konsequenzen einer Handlung intuitiv verständlich erscheinen. Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich, dass bereits die Mitteilung einer Handlungsabsicht und die Wahl der Handlungsmittel (und nicht erst das Erreichen eines Handlungsziels) Nebenwirkungen erzeugt. Möglicherweise sind allein die Konsequenzen der Ankündigung einer Handlung deutlich dramatischer als das Erreichen eines mitgeteilten Handlungsziels. Beispielsweise kann eine Drohung deutlich stärkere Reaktionen hervorrufen als die in der Drohung angekündigte Handlung.

Die ethische Bewertung einer Handlung muss all diese möglichen und/oder tatsächlichen Handlungsaspekte berücksichtigen, kann aber auch unter Berücksichtigung dieser Effekte keine einheitliche Handlungsbewertung garantieren, denn nicht nur ist die Zukunft ungewiss, sie wird auch unterschiedlich fiktiv beschrieben und fiktiv bewertet. Was für manche Menschen wünschenswert ist, mag anderen Menschen Albträume bereiten. Deshalb setzt die Frage, wie Handlungskonsequenzen zu bewerten wären, einen gemeinsam geteilten ethischen Maßstab und damit verbindliche allgemeine ethische Normen voraus. Bewertungsmaßstäbe der Konsequenzen einer Handlung dürfen für unterschiedliche Anwender nicht unterschiedlich ausfallen, weil sie diese andererseits nicht gemeinsam auf ein Handlungsziel verpflichten können. Hier liegt eines der zentralen Probleme des Konsequenzialismus: Was überhaupt kann allgemein und verbindlich als Konsequenz einer Handlung gelten? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, kann die Frage nach dem Nutzen einer Handlungskonsequenz sinnvoll gestellt werden. Sind Konsequenzen einer Handlung all jene Ereignisse, die auf dem Weg zu einem Handlungsziel mit ausgelöst werden? Sind die Konsequenzen einer Handlung eher in zeitlicher Nähe zur Realisierung des Handlungsziels zu suchen? Wie sind Handlungskonsequenzen zu beschreiben, wenn bereits die bloße Mitteilung einer Handlungsabsicht bei anderen Personen zu positiven oder negativen Reaktionen führt? Es wird sich im Kapitel über „Verantwortungsethik“ (Æ H. Jonas) zeigen, dass sich diese und verwandte Fragen nicht nur in Bezug auf gegenwärtige und in besonderer Weise auf die zukünftigen Konsequenzen einer Handlung beziehen, sondern auch auf bereits erfolgte Handlungen in der Vergangenheit. Letzteres ist der Fall, wenn Personen nachträglich für eigene Handlungen in der Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen werden oder diese Verantwortung aus freien Stücken übernehmen, auch wenn sie nicht an der vergangenen Realisierung und Umsetzung einer Handlungsabsicht beteiligt waren. Was also unter den Konsequenzen einer Handlung zu denken ist, mag intuitiv deutlich sein, ist aber - bei näherer Analyse - alles andere als offenkundig, denn bereits die Planung einer Handlung zeitigt Konsequenzen auf unterschiedlichen Handlungsebenen und in unterschiedlichen Prozessabschnitten eines Handlungsvollzuges. Konsequenzen hat beispielsweise bereits:

  • die Mitteilung oder Unterlassung der Mitteilung einer Handlungsabsicht

Gemeinschaft und im Kontext der Handlungskonventionen dieser Gemeinschaft bewähren, und neuerlich wäre daraus nicht abzuleiten, was zu tun ist. Man könnte hier versuchen einzuwenden, dass die Beschreibung einer Handlungspraxis bzw. Handlungskonvention sehr wohl zu Regeln führe, weil sich aus Handlungskonventionen Handlungsregeln ableiten lassen. Doch auch aus den Reproduktionsregeln einer bestehenden Praxis lässt sich nicht folgern, dass diese Praxis uns zu gewissen Handlungen ethisch verpflichtet. Die Regeln zu kennen, nach denen gehandelt wird, bedeutet nicht, ihnen auch folgen zu müssen. Die Vor- und Nachteile Konsequenzialismus können hier nur skizziert werden. Eine kurze Übersicht zu Vor- und Nachteilen des Konsequenzialismus :

Stärken des Konsequenzialismus

  • Fernwirkungen entfalten sowohl die eingesetzten Handlungsmittel als auch die realisierten Handlungsziele. Der Konsequenzialismus lässt besser als andere Konzeptionen der Ethik erkennen, dass die antizipierten Fernwirkungen einer Handlung die Wahl des Handlungsziels beeinflussen.
  • Das Ausklammern der Handlungsmotive erleichtert eine objektive Darstellung der Handlungsziele.
  • Der Konsequenzialismus entspricht unseren groben Intentionen, weil jede Handlungsplanung zumindest den zeitlichen und räumlichen Nahebereich der Nebenfolgen eines gewählten Handlungsziels mitbedenken muss.

Schwächen des Konsequenzialismus

  • Neben- und Fernwirkungen einer Handlung werden in der Regel nur nachträglich erkennbar. In diesem Fall kommt der Konsequenzialismus als Werkzeug zur Handlungsorientierung zu spät, um in die Handlungsplanung noch eingreifen zu können. Nützlichkeitseffekte stellen sich erst ein, nachdem bereits entschieden und gehandelt worden ist.
  • Das Ausklammern subjektiver Handlungsmotive wird den handelnden Personen nicht gerecht. Menschen werden auch für ihre Handlungsmotive verantwortlich gehalten, nicht nur für die Handlungsziele und / oder deren Fernwirkungen.
  • Dem Konsequenzialismus fehlen jene diskursiven Elemente einer Ethik, die sich nicht aus Nützlichkeitseffekten ableiten lassen. Der Konsequenzialismus überspringt das Problem der intersubjektiven Rechtfertigung einer Handlung.

Negativer Utilitarismus

Von einem „negativen Utilitarismus“ spricht man, wenn Schadensfälle, die durch Handlungen ausgelöst wurden, minimiert werden, Leid vermindert wird. Der negative Utilitarismus verfolgt das Ziel, den berechenbaren oder vermuteten Schaden der Handlungsmotive, Handlungsregeln oder der Handlungskonsequenzen zu verringern. Die Schadensminimierung ersetzt hier den Versuch der Maximierung von Nützlichkeitseffekten.

Schadensminimierung im Präferenzutilitarismus bedeutet eine Abwägung von Präferenzen, unter besonderer Berücksichtigung ihrer zeitlichen und thematischen Bedeutung für unsere Lebensplanung. Ein Schadensfall im Präferenzutilitarismus tritt ein, wenn beispielsweise Präferenzen zum Schutz der Privatsphäre durch Verletzung von Datenschutzbestimmungen verletzt werden und

ein bereits eingetretener Schadensfall durch geeignete Maßnahmen eingeschränkt werden soll. Die Maßnahmen, die dazu beitragen, den Schaden zumindest zu begrenzen, im besten Fall zu minimieren, sind solche des negativen Utilitarismus.

Schadensminimierung im Regelutilitarismus bedeutet, mit jenen Fällen umzugehen, in denen eine Handlungspraxis zu Missständen führt. Beispielsweise können ökonomische Maßnahmen einer Regierung zu einer negativen Bewertung der Kreditwürdigkeit eines Landes auf den internationalen Finanzmärkten führen und dadurch eine ohnehin schon bestehende Wirtschaftskrise nochmals verstärken. Eine regelutilitaristische Schadensbegrenzung wäre in jedem Falle mit Veränderung bestehender ökonomischer Regularien verbunden. Eine Schadensbegrenzung ist in diesen Fällen auch möglich, wenn die politischen Handlungsmotive oder die Konsequenzen der fehlgeleiteten Handlungspraxis ausgeklammert werden und nur die Logik der Handlungsregeln untersucht wird, um Handlungsregeln zu finden, die zur Schadensminimierung oder zumindest zur Schadensbegrenzung beitragen. Schadensbegrenzungen erfordern in der Regel kurzfristig wirksame Maßnahmen, weil andernfalls jede weitere Hilfe zu spät kommen könnte und sind deshalb nicht angewiesen auf eine Analyse der Handlungsmotive oder der Konsequenzen, weil unmittelbar in das Verhältnis von Handlungsregeln und ihren Anwendungen eingegriffen werden muss. Würden wir – um einen Vergleich zu finden – im Verlauf eines Gesellschaftsspiels widersprüchliche Regeln entdecken, beispielsweise in der Testphase der Spiel-Entwicklung, dann wären die darauf folgenden Regelfehler- Korrekturen im Sinne des negativen Utilitarismus auch dann möglich, wenn wir weder die Spielmotive noch die Konsequenzen eines Gesellschaftsspiels z.B. für dessen Unterhaltungswert kennen.

Schadensminimierung im Konsequenzialismus bedeutet jene Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, um bereits eingetretene Schadensfälle zu begrenzen. Die Schadensbegrenzung der Konsequenzen einer Handlung bedeutet nicht , von vornherein von einem Worst-Case-Szenario dieser Konsequenzen auszugehen, denn in diesem Falle dürfte überhaupt nicht gehandelt werden. Im Gegensatz zu einem Vorschlag von H. Jonas (Æ Verantwortungsethik), der in der Bewertung mittel- und langfristiger Konsequenzen einer Handlung empfiehlt, stets von einem zukünftigen Wort-Case-Szenario auszugehen 7 , wird hier die Auffassung vertreten, dass eine Schadensminimierung erst beginnen kann, wenn ein Schadensfall eingetreten ist, nicht aber, wenn er eintreten könnte. Ein Beispiel: Versicherungsgesellschaften leben davon, dass Schadensfälle eintreten, nicht aber davon, dass sie eintreten könnten. Wollte eine Versicherungsgesellschaft das Prinzip einer „Heuristik der Furcht“ etablieren, wäre jedes zukünftige versicherte Ereignis im Zweifelsfall ein Schadensfall und Versicherungen zu verkaufen wäre ökonomisch unsinnig.

Schadensminimierungen finden wir nicht in egoistischen bzw. rein hedonistischen Ethiken, denn andernfalls würde dies bedeuten, dass Egoisten die Abwehr jener Handlungen anstreben, die durch ihre eigenen egoistischen Verhaltensweisen entstehen. Das würde bedeuten, dass ein Egoist die Minimierung der sozialen Schäden seiner egoistischen Handlungen rational anstreben könnte. Das aber kann ihm nicht gelingen, denn andernfalls wäre er nicht länger als Egoist zu bezeichnen und die Voraussetzungsbedingung seiner Handlungsabsicht, nämlich als Egoist Schadensminimierung im eigenen Fall zu betreiben, würde entfallen. Aus diesem begriffslogischen Grund wurde der

7 Vgl. das Kapitel über „Verantwortungsethik“ (H. Jonas)